Sie wußten viel mehr, als sie zugaben. Geahnt hatte man es schon lange, daß die militärische Aufklärung der Briten, der es nach und nach gelungen war, die Funksprüche der deutschen Wehrmacht zu entschlüsseln, auch Informationen über den Holocaust gesammelt hat. Bereits 1980 tat der amerikanische Historiker und Publizist Walter Laqueur kund, die sagenhafte Dechiffrierzentrale im Bletchley-Park habe 1941 den SS-Code geknackt. Nur ist der größte Teil dieses Geheimdienstmaterials in England bis heute top-secret.

Bestätigt wurde die Vermutung Laqueurs im vorigen November durch den Washingtoner Geschichtsprofessor Richard Breitman. Er hatte zusammen mit Kollegen durchgesetzt, daß die britischen Abhörprotokolle, von denen seit über einem halben Jahrhundert Kopien in den Tresoren der National Security Agency lagen, für die amerikanische Öffentlichkeit freigegeben wurden.

Es handelt sich um Erfolgsmeldungen der SD-Einsatzgruppen und Polizeibataillone, die im Sommer 1941 den in die Sowjetunion eindringenden deutschen Armeen auf dem Fuße folgten: insgesamt 282 engbeschriebene Seiten mit Fernschreiben aus dem Zeitraum vom 18. Juli bis zum 13. September. Danach trat Funkstille ein. Das Reichssicherheitshauptamt hatte angeordnet, Berichte über die Massenerschießungen im Baltikum, in Weißrußland und in der Ukraine nur noch per Kurier nach Berlin zu übermitteln.

Natürlich freuen sich die Zeithistoriker, jetzt im Detail nachlesen zu können, was deutsche und amerikanische Forscher schon im großen und ganzen in den achtziger Jahren aufgearbeitet haben. Was jetzt als Sensation verkauft wird, ist längst bekannt. Die "Vernichtung der jüdischen Rasse" in Europa, die Adolf Hitler am 30. Januar 1939 für den Fall eines Krieges angedroht hatte, begann im großen Stil mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22.

Juni 1941 und nicht erst mit der Wannsee-Konferenz im Januar 1942, deren Bedeutung Eberhard Jäckel vor einigen Jahren relativiert hat (ZEIT Nr. 4/1992).

Ebenfalls seit langem weiß man, daß, ehe die Schlote der Krematorien in den Todesfabriken zu qualmen begannen, im ersten halben Jahr des Rußlandfeldzuges über eine halbe Million Juden ermordet worden sind. Ähnliche Zahlen standen schon 1942 in angelsächsischen Zeitungen!

Dem Kriegspremier Winston Churchill wurden fast jeden Tag die abgehörten Funksprüche des Feindes einzeln oder zusammengefaßt auf den Tisch gelegt, und er hat sie auch gelesen. Aber warum hat er diese Verbrechensbeweise im Panzerschrank verschlossen?