Wie eine Bombe schlug jedoch die Botschaft ein, die der Unternehmer Eduard Schulte, Generaldirektor der schlesischen Bergwerksgesellschaft Georg von Giesches Erben in Breslau (30 000 Beschäftigte), am 30. Juli 1942 seinem Geschäftspartner Isidor Koppelmann überbrachte.

Schulte war ein Jagdfreund des pommerschen Gutsbesitzers und unerbittlichen Nazigegners Ewald von Kleist-Schmenzin, der nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet wurde. Er selber hielt schon vor 1933 die Nazis für Gangster. Als er von einem längeren Besuch Himmlers in Auschwitz erfährt, reist er sofort in die Schweiz. Seine Mitteilung gelangt über verschiedene Personen schließlich zu Riegner, der zunächst skeptisch ist, da man ihm den Namen des Boten verheimlicht. Doch dann geht ihm plötzlich ein Licht auf, warum die Nazis in den letzten Monaten aus Frankreich, den Beneluxstaaten und auch aus Berlin Juden in den Osten deportiert haben. So schickt er dann Telegramme nach London und Washington:

erhielt alarmierenden bericht in fuehrerhauptquartier sei plan diskutiert und erwogen dreieinhalb bis vier millionen juden in den von deutschland besetzten und kontrollierten gebieten nach deportation und konzentration im osten mit einem schlag vernichtet werden sollen, um die judenfrage in europa ein fuer allemal zu loesen - stop - aktion ist fuer herbst geplant, art der ausfuehrung noch nicht festgelegt - stop - die rede war von blausaeure - stop - uebermittlung der nachricht mit all en gebotenen vorbehalten, da wir die richtigkeit nicht ueberpruefen koennen (zu diesem Einschub hatte ihm Riegners Lehrer, der Professor für internationales Recht Paul Guggenheim, geraten) - stop - informant soll enge beziehungen zu hoechsten de utschen stellen haben und ist als zuverlaessig bekannt

Im State Department und im Foreign Office wollte man sich nicht gleich auf diese heikle Sache einlassen, da sie den Diplomaten zu phantastisch erschien, zumal der Bote anonym blieb. Rabbi Stephen Wise, der Vorsitzende des American Jewish Congress, erfuhr den Inhalt des Fernschreibens nur auf dem Umweg über den Labour-Abgeordneten Sidney Silverman vom britischen Jüdischen Weltkongreß.

Niemand im Westen wußte bis dahin, daß der Holocaust bereits in sechs Vernichtungslagern praktiziert wurde. Schultes Warnung hinkte also den Ereignissen hinterher auch sollten die Millionen Juden keineswegs "mit einem Schlag" erledigt werden.

In den kommenden Wochen sammelten Riegner und Lichtheim so viele neue Informationen, daß die alliierte Diplomatie gar nicht mehr umhinkonnte, die Mitteilungen Schultes ernst zu nehmen. Der hatte inzwischen behauptet, es gebe einen Führerbefehl zur Vernichtung der Juden das gleiche wollte der ehemalige Völkerbundkommissar in Danzig, Carl J. Burckhardt, Vizepräsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, gehört haben. (Ein solcher Befehl ist bis heute nicht gefunden worden.)

Am 22. Oktober 1942 suchten Riegner und Lichtheim gemeinsam den amerikanischen Gesandten in der Schweiz, Leland Harrison, auf und übergaben ihm ein Dossier, in dem sie alles, was sie inzwischen über den Holocaust wußten, zusammengestellt und mit Dokumenten ergänzt hatten. Kurz darauf informierten sie auch die britische Vertretung. Von nun an konnte unter den Verantwortlichen in Washington und London und bei den Juden in Palästina niemand mehr die Augen vor dem Grauen verschließen.