Vergeßt nicht", rieten uns Freunde vor unserem Flug nach Lissabon, "mit der Straßenbahnlinie 28 durch die Altstadt zu fahren, das ist ein großartiges Abenteuer."

Am Hafen schon sehen wir die Linie 28 vorbeirumpeln - sie ist gerappelt voll, ein Wagen nur besetzt mit Touristen. "Ihr müßt an der Endstation einsteigen", hatte eine Freundin gesagt, "sonst bekommt ihr keinen Sitzplatz und seht nichts. Die Haltestelle ist am Englischen Friedhof."

Vergnügt setzen wir uns ins Taxi. "Cemeterio dos Ingleses por favor." Der Fahrer staunt. Wir erklären ihm unsere Absicht. Er staunt noch mehr. "Da ist in hundert Jahren noch kein Eléctrico gefahren." Wir umkreisen dreimal den Friedhof. Keine Gleise, keine Haltestelle. Wir fahren etwas weiter in die Straßen und fragen nacheinander drei Polizisten. Niemand hat hier jemals einen Eléctrico gesehen nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, wußten sie gar nicht, daß es überhaupt Straßenbahnen gibt.

Schließlich weist uns der Taxifahrer zu einem Häuschen, in dem ein Straßenbahnmann Fahrkarten verkauft. Ich frage ihn nach einer Haltestelle der 28. Kein Problem. "Gehen Sie einfach geradeaus hier weiter, 400 Meter, da ist die Haltestelle Camoes." Wohlgemut schreiten wir aus, immer die Gleise entlang.

Wir gehen 400 Meter, 800 Meter, 1200 Meter. Die Sonne brennt.

Dann besinne ich mich auf ein Mittel, das mir andernorts schon geholfen hat: die direkte Volksbefragung. "Nao Senhor, hier fährt kein Eléctrico", sagt der erste Mann. Ich deute auf die Gleise.

Er lächelt. "Das war einmal vor langer Zeit." Eine Dame auf einem größeren Platz ist erstaunt: "Paragem Camoes? Nie gehört." Auf einer Bank sitzen vier ältere Männer. Auf meine Frage hin sehen sie erst mich und dann sich groß an und schütteln stumm die Köpfe.