BERLIN. - Die Frage wird nicht gleich als strafwürdiger Verstoß gegen die deutschen Ausprägungen der Political Correctness denunziert werden dürfen. Legitimiert und bewährt sich diese Republik in Sachen Menschenrechte und moralischer Sensibilität am besten durch immer neue Denkmale, die, steinern oder metallen, ob hektargroß oder in mehr bescheidenen Dimensionen, bald nach der feierlichen Einweihung die Erinnerung an deutsche Schreckenstaten schnell verdämmern lassen? Oder mißt die zivilisierte Welt deutsche Empfindsamkeit gegenüber der Menschenschinderei in nahen oder fernen Regionen nicht viel eher an konkreten Handlungen zugunsten der Opfer der schwer oder gar nicht belehrbaren Gewaltherrscher?

In Bonn ist gerade dem in Berlin ansässigen Behandlungszentrum für Folteropfer der Preis der Annette-Barthelt-Stiftung verliehen worden, die an eine Gruppe junger deutscher Meeresbiologen erinnern will, Opfern eines abscheulichen Terroraktes in Dschibuti, ausgeführt 1987 von einem Fatah-Fanatiker. Die Stiftung belohnt mit ihrem eher ideell als materiell gemeinten Preis solche Personen oder Institutionen, die etwas nachweisbar Gutes für die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus leisten. Da ist die Wahl der Stifter auf die Richtigen gefallen.

Das Behandlungszentrum, geleitet von dem Internisten Christian Pross, gestützt vom Deutschen Roten Kreuz, finanziell getragen wesentlich durch Zuwendungen des Bonner Familienministeriums, durch Spenden auch von Berthold Beitz, Jan Philipp Reemtsma, der Alfred Herrhausen Stiftung der Deutschen Bank und manchen anderen Mäzenen, hat sich in den vergangenen fünf Jahren in therapeutischer Kärrnerarbeit um Folteropfer gekümmert. Sie sind kurdischer Herkunft, kommen aus Bosnien, aus dem Libanon, aber einige von ihnen sind auch ehemalige DDR-Bürger, die in den Verliesen des deutschen Polizeistaates körperliche, mehr noch seelische Wunden davongetragen haben, die nicht vernarben wollen.

Es ist tatsächlich ärztliche, vor allem seelenärztliche Schwerarbeit, weil die Patienten nur sehr zögerlich über die erlittenen Qualen zu reden bereit sind und weil sich therapeutische Erfolge häufig erst nach langer Zeit einstellen. Die Mitarbeiter des Berliner Behandlungszentrums lassen sich dadurch nicht entmutigen. Es sind allesamt Idealisten mit fachlicher Kompetenz.

Die materiellen Grundlagen, auf die sie sich stützen, sind im Zeichen der Sparpolitik eher fragil. In Skandinavien, zumal in Dänemark, werden die dort tätigen Behandlungszentren von den Regierungen erheblich großzügiger bedacht. Dort weiß man vielleicht besser als bei uns, daß praktische, auf den einzelnen Menschen konzentrierte humanitäre Hilfe noch ein Stück wichtiger ist als kostspielige Symbole, die der schweigenden Mehrheit ein gutes Gewissen machen.

Es wird nun darüber nachgedacht, das Berliner Zentrum, weil staatliche Zuwendungen gekürzt worden sind, als Stiftung weiterzuführen.

Da braucht es Helfer, die nicht einfach Geld geben. Sie sollten vielmehr bereit sein, sich mit einer Einrichtung zu identifizieren, die der Bundesrepublik, altmodisch gesprochen, zur Ehre gereicht.