So makaber es klingt, das Timing hätte kaum passender sein können: "Airframe", der neue Bestseller von Michael Crichton ("Jurassic Park"), beschäftigt sich mit realen und fiktiven Flugzeugunfällen. Das Katastrophenjahr 1996 war nach Angaben des englischen Fachblatts Flight International mit 1840 Todesopfern das schlimmste in der Geschichte der zivilen Luftfahrt. Flight berücksichtigt dabei nur Unfallopfer des zivilen Luftverkehrs, nicht aber Todesfälle durch Sabotage und Terrorismus oder Opfer am Boden. Selten war die Frage nach Sicherheit im Luftverkehr dem breiten Publikum auf beiden Seiten des Atlantiks so präsent wie nach einem Jahr mit derart spektakulären Flugzeugunfällen.

Der Absturz der Birgenair-Boeing mit deutschen Touristen im vergangenen Februar vor der Dominikanischen Republik, der ValuJet-Unfall im Mai in den Everglades und der TWA-Crash im Juli bei New York - selten gingen Flugzeugunfälle derart tief sowohl ins Denken und Handeln der breiten Öffentlichkeit als auch der Politik ein.

"Da ist eine enorme Kraft durch das neue Bewußtsein des Publikums", hat Oliver Will beobachtet, der als ehemaliger Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit nach dem Birgenair-Unfall häufig auf deutschen Bildschirmen zu sehen war. Für seine Bemerkungen, man habe nach bereits länger bekannten und auch monierten Sicherheitsproblemen türkischer Chartergesellschaften geradezu auf einen solchen Unfall gewartet, mußte er damals harte Kritik der geschockten Nation einstecken. "Ich würde alles wieder genauso sagen, weil es die Wahrheit ist", so Will heute.

Üblicherweise folgen auf Unfälle bestenfalls Lippenbekenntnisse von Politikern und Behörden, nach Birgenair und ValuJet aber begannen in der staatlichen Überwachung in Deutschland und in den USA jeweils tiefgreifende Reformen.

Der Mißstand der mangelhaften finanziellen Ausstattung des Luftfahrt-Bundesamtes (LBA) etwa wurde zum öffentlichen Thema. Der Etat des Braunschweiger Amts ist so dürftig, daß deutsche Vertreter selten auf wichtigen Sitzungen mit ihren europäischen Kollegen anwesend sind - die Dienstreisen sprengen den Behördenetat. "Die Europäisierung der Luftverkehrsvorschriften wird so über die Köpfe der Deutschen hinweg beschlossen", empört sich ein Experte. Das hat sich bislang nicht geändert, immerhin wurden achtzehn Stellen für die sogenannte "Task Force" geschaffen, die den Sicherheitsstandard ausländischer Fluggesellschaften überprüfen soll, entweder schon im Heimatland oder nach der Landung in Deutschland. Erste Erfolge stellten sich bereits ein: Die türkische Holiday Air wurde nach gravierenden Sicherheitsmängeln aus Deutschland verbannt, eine Gesellschaft in der Dominikanischen Republik von den Behörden des Landes geschlossen, nachdem die LBA-Prüfer lediglich den Besuch der Heimatbasis angekündigt hatten.

"Kein Mensch hat sich in Deutschland vor Birgenair um die Sicherheit ausländischer Gesellschaften gekümmert", so Oliver Will, "die Leute unterlagen dem Fehlschluß: Ich kaufe in einem deutschen Reisebüro ein in Deutschland ausgestelltes Ticket, also wird schon eine deutsche Behörde die Sicherheit überprüft haben." Das hat sich gründlich geändert, kaum ein deutscher Tourist überläßt es noch dem Zufall, mit wem er fliegt, nur um ein paar Mark zu sparen, gleichzeitig geht das LBA schneller gegen schwarze Schafe vor. Als die amerikanische Chartergesellschaft Rich International, die deutsche Urlauber nach Amerika und in die Karibik flog, von den amerikanischen Behörden wegen Sicherheitsmängeln bis auf weiteres stillgelegt wurde, schloß sich das LBA umgehend dem Bescheid der US-Kollegen an. Oliver Will legt dabei Wert auf die Feststellung, daß Gesellschaften aus Nachbarländern, so etwa England, Frankreich oder Holland, dasselbe hohe Sicherheitsniveau erreichen wie die Deutschen.