Die Bild ist an keinem Kiosk zu kriegen. Genausowenig die Neue Zürcher Zeitung. Nervöses Herumflippern an der Fernbedienung im Hotelzimmer zaubert weder RTL noch Sat.1 auf die Mattscheibe. Nirgends gibt es eine Speisekarte auf deutsch, und "Wurstl con crauti" werden erst recht nicht geboten. Weit und breit vernehmen die beiden Reporter, ein Deutscher und ein Eidgenosse auf winterlicher Mission in den Pyrenäen, kein schneidendes "Ski Heil", kein schmetterndes "Grüß Gott" und kein kehliges Jodeln. Merkwürdiges Gebirge!

Ein Sonntagabend Anfang Januar in Cauterets, mitten in den Hochpyrenäen: In der Bar des altehrwürdigen "Hotel Bordeaux" wird heftig diskutiert. Pierre-Jean Manégrier, Vizebürgermeister des Städtchens, ereifert sich: "Warum kommen gerade im Winter keine Deutschen, ja kaum Nordeuropäer zu uns?" Der Barmann ergänzt im weichen Südfranzösisch, das unweigerlich an die Marcel-Pagnol-Filme erinnert: "Wieso fahren alle immer in die Alpen?" - "Wahrscheinlich", vermutet ein Gast, "verkaufen wir uns schlecht. Die Pyrenäen sind unbekannt." Diese Berge, mutmaßen die deutschen Gäste, sind einfach zu weit weg. Und das ist vielleicht ganz gut so.

Nach alpinem Aprés-Ski-Remmidemmi, nach der weltläufigen Schickeria von Berchtesgstaaden, Kitzmoritz oder Chamonix d'Ampezzo kann man hier lange suchen. Doch soll man sie vermissen? Soll man bedauern, daß anders als beim Tadsch Mahal, in Machu Picchu oder auf dem Tempelberg zu Jerusalem hier nicht ringsum deutsch palavert wird?

Der Morgenspaziergang durchs Städtchen beweist: Sie waren durchaus mal da, die Granden dieser Welt, die Schönen, die Reichen. Schwefelquellen, die selbst Krankheiten mit unaussprechlichen Namen linderten, zogen sie an. Überdies konnte man neben dem Thermalwasser von Cauterets für das körperliche Heil im nahen Lourdes auch spirituelle Erlösung finden. Flaubert kam und Baudelaire, George Sand und Alexandre Dumas, aber auch Bismarck, Heine und Königin Hortense. Chateaubriand notierte ins Tagebuch: "Die Zeit in Cauterets war womöglich die einzige, in der ich wirklich glücklich war." Kurt Tucholsky gab sich schlicht ergriffen: "Einsam, unheimlich, schön" empfand er die Landschaft. Sarah Bernhardt brachte gleich ihren Ozelot mit, zum Verdruß der auf ihre feinen Polster bedachten Direktion des Nobelhotels "Angleterre". Auf dem eleganten Boulevard Latapie-Fleurin des Tausendseelenortes wurde promeniert und flaniert, wie man es in Paris nicht besser vermochte.

Längst sind sie weg. Das Opernhaus ist bloß noch Fassade, im einst vornehmen Kasino rasseln grelle Geldspielautomaten, den Dienst der alten Bimmelbahn haben vor vierzig Jahren Busse übernommen, nur der hölzerne Bahnhof blieb - ein Monument der Geschichte. Doch ein wenig vom Geist des Fin de siécle scheint übriggeblieben. Noch immer weht zwischen den klassizistischen Fassaden der Hauch der Belle poque . . . und der schweflige Geruch der Heilquellen.

Das alte Kurhaus sieht genauso aus, wie man sich ein altes Kurhaus vorstellt: streng, nüchtern, kühl. In zellenartigen Einzelgemächern werden diverse Bäder "verabreicht"; riesige Säle warten auf Hundertschaften kollektiv dampfinhalierender Kurgäste, die auch in Cauterets mehr und mehr ausbleiben. Selbst in den moderneren Badehäusern, die inzwischen weniger der Kur als der postskifahrerischen Lustbarkeit verpflichtet sind, ist das strenge Regime nicht ganz gewichen. "Zwölf Minuten im Schwefelbad, hernach zwölf Minuten im Becken mit den Düsen", befiehlt eine energische Mittfünfzigerin. Nach der Sauna bedeutet sie mit erhobenem Zeigefinger: "Und nun kalt duschen!" Angesichts offenkundigen Widerstrebens wiederholt sie barsch: "Duschen. Kalt!" Gottlob gibt es in Cauterets zum Versüßen erduldeter Härten die Berlingots. Im kleinen Laden La Reine Margot darf man zuschauen, wie diese Bonbons - selbstverständlich auch sie auf Thermalwasserbasis - fabriziert werden. In 29 Geschmackssorten - von A wie Aprikose bis V wie Veilchen.