Ein Märchen, Kinder, ein deutsches Märchen!

Es war einmal, tief in den achtziger Jahren, ein kleines italienisches Restaurant in der großen Stadt München, in dem Abend für Abend alle wichtigen Leute aus dem deutschen Kulturvolk zusammenkamen, zum Reden, zum Schauen und zum Speisen. Da saßen der Filmproduzent E. und der Regisseur D., der Schriftsteller S. und auch der Dichter W. - und ringsum ihre Frauen und Freundinnen, die berühmten und die namenlosen, die schwachen und die gefährlichen, die Damen in Rot und die Damen in Weiß. Man trank und schwatzte, und ab und zu gab es auch Streit, über Filme oder Bücher oder Filmdrehbücher, über Geld- und Liebesdinge, und einmal, vor ganz langer Zeit, soll sich sogar eine der glänzenden Damen aus Verzweiflung vom Leben zum Tode befördert haben - aber schon am nächsten Tag saßen alle (bis auf eine!) wieder beisammen und speisten, glotzten und glänzten ganz wie zuvor. Selige Zeiten!

Das ist natürlich alles längst Geschichte, Kinder. Bei uns in den Neunzigern herrscht jetzt ein ganz anderer Geist: Armut, Klarheit, Disziplin. Die neuen Tugenden! Die Freßzeit, so viel wissen wir, ist zu Ende, und die Chianti-Generation hat sich müde gesoffen. Was wir jetzt brauchen, für Deutschland, Berlin und Europa, sind . . .

Da klopft es an der Tür. Wer da? Der steinerne Gast. Es ist Helmut Dietl , 52, der Regisseur aus dem Märchen, und er hat uns etwas mitgebracht: einen Film. Denn all die Jahre über, in denen wir uns das neue Deutschland ausgedacht haben, hat Dietl mit dem Schriftsteller S. alias Patrick Süskind beim Italiener gesessen und ein Drehbuch über das alte geschrieben: "Rossini oder Die mörderische Frage, wer mit wem schlief". Jetzt ist der Film fertig, und der Produzent E., Klarname Bernd Eichinger, bringt ihn ins Kino. Und auch der Lyriker W., wie Wondratschek, ist mit dabei: Seine feinherben Gedichte werden in "Rossini" , wann immer es paßt, zitiert. Und es paßt oft.

Dietls "Rossini" oder: Wir sind alle noch da.

Nacht. Außen. Ein Restaurant. Flachdach, Schiebefenster, rote Leuchtschrift: "Rossini". Drinnen ein Knäuel von Menschen, Geräuschen, Satzfetzen. Eine Dame in Rot, eine Dame in Schwarz, ein Bärtiger, ein Halbrasierter, ein Beflissener, eine Aufdringliche, ein Verhuschter mit Schirmmütze. Ein Mann sagt zu einer Frau: "Suchen Sie sich in Ruhe den Busen aus, der Ihnen gefällt." Paolo Rossini (Mario Adorf) steht an der Tür und wimmelt ungebetene Kundschaft ab. Die Kundin: "Sie legen wohl gar keinen Wert auf gute Gäste!" Der Wirt: "Was brauch' ich gute Gäste, wenn ich so viele gute Freunde habe."