Neulich, in unserem Ostberliner Hotelzimmer (11. Stock, sehr gut sortierte Minibar), machten wir einen verhängnisvollen Fehler. Statt, wie es sich für den soliden Dienstreisenden gehört, spätestens um Mitternacht das Licht zu löschen, wanderten wir ruhelos durch die 27 Fernsehkanäle. Landeten beim Nachrichtensender n-tv und hörten jenen Satz, der unsere Nachtruhe vernichten sollte. "Glenn Gould", so hörten wir, "war der James Dean der Klaviermusik."

Was für ein wundervoller Satz! Und am wundervollsten, daß er auch seitenverkehrt nichts von seiner Wahrheit verliert. Denn, kein Zweifel: James Dean war der Glenn Gould der Schauspielkunst, worauf wir ohne n-tv niemals gekommen wären.

Jetzt aber gute Nacht! Zu spät. Denn nun hat der kleine Humorhandwerker in unserem Kopf seine Arbeit begonnen und fängt unerbittlich an zu hämmern.

Was ist mit Norbert Blüm? Ganz klar: Norbert Blüm ist der James Dean der deutschen Rentenpolitik.

Ach was, Quatsch! Aber so geht es vielleicht: Norbert Blüm ist der Heinz Rühmann der deutschen Rentenpolitik. Woraus folgt, daß Heinz Rühmann der Norbert Blüm der deutschen Schauspielkunst war; eine bestürzende Einsicht, zu welcher wir ohne n-tv niemals vorgedrungen wären.

Humor, Sie ahnen es, geliebter Leser, Humor aus deutscher Produktion ist keine Sache wie Wüstenwind und Karawanenmusik. Er entsteht nicht unter Palmen in dem Süden, unter Linden an dem Rhein. Er ist das Fleiß- und Angstprodukt schlafloser, schweißnasser Nächte wie dieser. Deutschland, so schrieb neulich die taz unvergeßlich, ist "die zerfurchte Gesellschaft". Ein Satz, den wir erst verkraftet hatten, als wir im FAZ-Magazin diese wunderschöne Farbstrecke über die wunderschöne Künstlerin Aziza Mustafa Zadeh (die Aphrodite, die Scheherezade, das Schneewittchen der Klaviermusik!) entdeckt hatten und hierbei den wundervollen Satz: "Sie singt nicht mit der Stimme, sie singt mit der Seele."