Jede Wissenschaftsdisziplin hat ihre eigene Geschichte. Sie ist vergleichbar den Lebensläufen von Menschen. Erst wird das Kindchen von den Eltern aufgepäppelt. Kaum hat es gehen und sprechen gelernt, wird es frech. Unvollkommen und widersprüchlich geht es seine eigenen Wege und emanzipiert sich von den Eltern.

Das Fach mit den (fast) gleichbedeutenden Namen Kommunikationswissenschaft, Publizistikwissenschaft, auch Medienwissenschaft oder Journalistik - befindet sich in der frühen Erwachsenenphase. Es hat sich emanzipiert von Mutterdisziplinen und Gründungsvätern. Es hat sich institutionalisiert im Fächerkanon der Universitäten, überwiegend in sozialwissenschaftlichen Fakultäten.

Neuerdings wird die Kommunikationswissenschaft gar als neue Leitdisziplin im kulturwissenschaftlichen Kontext diskutiert. Kein Wunder, angesichts der enormen Umbrüche, die in der Informations- und Kommunikationstechnik stattfinden; angesichts der Tatsache, daß die Medienbranche als einzigartig expansiv und gewinnträchtig gilt; und angesichts einer Gesellschaft, in der sich "Medienwirklichkeit" und "wirkliche Wirklichkeit" so ineinander verflechten, daß "Medienkompetenz" für Alltag und Beruf geradezu überlebensnotwendig geworden ist.

Alphons Silbermann gebührt mit Sicherheit ein beachtenswerter Platz in der Geschichte der Kommunikationswissenschaft. Ihn als "Begründer" des Faches schlechthin hochzustilisieren, ist jedoch völlig verfehlt. Vor allem steht fest: Sein Beitrag in der ZEIT (Nr. 51/1996) ist historisch überholt und verjährt. Die darin vorgebrachten Argumente sind gut ein Vierteljahrhundert alt, nachzulesen in seinem 1972 in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie veröffentlichten Aufsatz "Marotten der Massenmedienforschung".

Silbermanns Kritik an der Kommunikationswissenschaft kann man zum Anlaß nehmen, einen Blick auf die Fachgeschichte zu tun und sie in ihren Verknüpfungen von Historie und Wissenschaftsbiographien zu betrachten.

Nach Vorläufern im 19. Jahrhundert und einer ersten Institutsgründung 1916 an der Universität Leipzig konnten in den zwanziger Jahren eine Reihe von Instituten für "Zeitungskunde" oder "Zeitungswissenschaft" etwa in München, Münster und Berlin etabliert werden. Unter dem Eindruck des damals neuen Mediums Radio debattierten die Wissenschaftler plausiblerweise bald die Umbenennung des Faches in Publizistikwissenschaft. Doch die Nazis verhinderten solche Ambitionen und etablierten ihre eigenen Protagonisten im Fach Zeitungswissenschaft.