Von Österreich lernen muß nicht heißen "siegen lernen", dafür gibt es andere Modelle. Manchmal aber, so scheint es, könnte ein uneitles Studium der danubisch-alpinen Lebens- und Überlebensart auch für den übergewichtigen Nachbarn Deutschland lehrreich sein.

Immer wieder, wenn auch nicht häufig, hat man österreichische Erfolge oder Erfahrungen hierzulande auf Modellfähigkeit überprüft: den Staatsvertrag, die Neutralität, den Abzug der Roten Armee (1955); das System der Sozialpartnerschaft; die Große Koalition (1965) - als warnendes Beispiel; und heutzutage insbesondere, als Menetekel, den Aufstieg des Rechtspopulisten Haider.

Jetzt liefert die ansonsten keineswegs aufregende politische Landschaft Österreichs neues Anschauungsmaterial bei der Suche nach Alternativen. Denn in dem überraschend frühen Kanzlerwechsel von Franz Vranitzky zu Viktor Klima stecken vier politische Lektionen, die auch Deutschlands derzeit wichtigstem Österreichexperten, Helmut Kohl, zu denken geben könnten, spätestens nachts, im Bungalow.

Als erste Lektion dient der erstaunliche Aufstieg des neuen Mannes: Viktor Klima, seit Schülertagen SPÖ-Mitglied, seit 1992 in der großen Politik aktiv. So neu ist er in diesem Geschäft, daß er den Begründer der mehr als 25jährigen sozialdemokratischen Hegemonie in Österreich, Bruno Kreisky, von einem einzigen Händedruck ("im Vorbeigehen") abgesehen, persönlich nie kennengelernt hat. Als Finanzminister verantwortete Klima im vergangenen Jahr ein Sparund Sanierungsprogramm, das den meisten Österreichern deutliche Einkommensverluste bescherte. Er verfuhr nach einem schlichten Prinzip: die ganze grausame Wahrheit auf den Tisch, auf einmal und ohne Kosmetik. Statt die Bevölkerung in kurzen Abständen mit immer neuen Steuerideen nervös zu machen, präsentierte er ein fertiges Maßnahmenpaket, beschrieb dessen Auswirkungen und konzentrierte sich anschließend auf die Überzeugungsarbeit in der Öffentlichkeit, in den Medien und an der Basis. Dabei erwies er sich so sehr als Volkstribun, daß Journalisten ihn den "roten Haider" nannten. Alsbald war er Vranitzkys populärster Minister. Wahrheit lohnt sich.

Die zweite Wiener Lektion steckt in der ungewohnten Konfliktstrategie, mit der das Duo Vranitzky/Klima die zentrale innenpolitische Streitfrage der zurückliegenden Monate gegen den konservativen Koalitionspartner ÖVP für sich entschied: die politisch "unfreundliche Übernahme" der legendären Großbank Creditanstalt, die im lokalen Netz des Parteienproporzes als ÖVP-nahe gilt, durch die SPÖ-nahe Bank Austria. "Vranz" und Klima ignorierten die demonstrativen Gespräche der ÖVP mit Haider über Gegenmaßnahmen, riskierten den Koalitionsbruch und setzten sich durch. Die Sache selbst stand hinterher nicht mehr zu Debatte: Dem politikmüden Publikum gefiel der K.-o.-Sieg. Und die Medien hatten fortan ihren "Kronprinzen".

Auch aus Fehlern kann man lernen. Eben noch war die SPÖ samt ihrem Kanzler im Tief, die österreichische Europawahl hatte ihr, ein Jahr nach einer sensationell hohen Zustimmung zum EU-Beitritt in der Volksabstimmung, eine bittere Niederlage beschert; in der SPÖ begann eine Vranitzky-Debatte. Das ist die dritte Lektion: Mit aufwendigen Werbekampagnen allein ist für Europa keine nachhaltige Unterstützung zu gewinnen. Die Gefahr des Rückschlags ist groß, erst recht, wenn ein Demagoge bereitsteht, den Ärger der Enttäuschten politisch für sich zu nutzen ("Betrug!"). Die Euro-Debatte wird nicht nur in Österreich zeigen, ob das verstanden wurde.