Zukunft möglich machen lautet der kategorische Imperativ des ausgehenden Jahrhunderts. Ein fordernder, selbstsicherer Satz. Sein Autor ist die zwar amtierende, aber kaum mehr regierende Bonner Koalition, und mit jenem Satz beginnt die Bundestagsdrucksache 13/4554, kurz gesagt, der Bundesbericht Forschung 1996. Doch leider glauben die Urheber wohl selbst nicht so recht daran und unternehmen im täglichen Geschäft alles, damit der fromme Wunsch bloß nicht zum Imperativ, ja, nicht einmal zur eigenen Arbeitsmaxime wird.

Unter den führenden Industrieländern, den Mitgliedern im Club der OECD, rutschte Deutschland mit seinen Forschungsausgaben inzwischen auf Platz 6, wahrlich keine Plazierung von olympischem Rang. Gemessen am Bruttosozialprodukt, sinken die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in diesem Land seit nunmehr zehn Jahren - welch eine Wertschätzung angesichts der Wertschöpfung durch Erfindergeist und Forscherneugier. Alle reden von Europa - doch im selben Augenblick zieht sich Deutschland aus den großen Forschungseinrichtungen zurück und gefährdet damit sinnvolle Arbeit, etwa am Laboratorium für Teilchenphysik, Cern, oder der europäischen Synchrotron-Strahlungsquelle.

"Die Bundesrepublik Deutschland ist in Gefahr, entscheidende Zukunftschancen zu verspielen." Mit diesem nüchternen Befund beginnt das Manifest der Fünf unter dem Titel "Priorität für die Zukunft" - eine Warnung von fünf großen Forschungseinrichtungen, die wir auf dieser Seite im Wortlaut veröffentlichen. Eine außergewöhnliche Allianz bedeuten diese fünf Unterschriften und prominenten Namen. Ein einmaliger Vorgang ist dies, ein Notschrei, der Politik und Gesellchaft um so mehr durch Mark und Bein gehen müßte, als die sechs Thesen, entstanden bei einem Treffen in der Villa des Berliner Wissenschaftskollegs, betont sachlich gehalten sind.

Hört denn das niemand?

Gesagt worden ist zu diesem Zukunftsthema inzwischen fast alles, von den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft selbst. Doch die Politiker aller Parteien, fordert das Manifest, "sollen tun, was sie sagen". Zwar nennt das Manifest keine Beispiele hierfür, doch wer die Wissenschaftslandschaft beobachtet, findet Widersprüche in bedrückender Zahl. Während etwa im Mai vergangenen Jahres der erwähnte Forschungsbericht 1996 präsentiert wurde, warnte Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers - wir erinnern uns dunkel, als "Zukunftsminister" begann er einst seine Arbeit - vor kurzsichtigen Einsparungen. Rüttgers meinte natürlich die Wirtschaft, den gewichtigsten Akteur der Forschungsszene. Abgeschmolzen wurde allerdings auch Rüttgers' eigener Etat, worüber der Minister eher schwieg. Als die Mauer fiel, kam die Wirtschaft noch für über 63 Prozent aller Forschungsmittel auf; seither nimmt der Anteil kontinuierlich ab, rund 30 000 Stellen in ihren Labors und Entwicklungsabteilungen wurden in den neunziger Jahren bereits gestrichen. So beklagen die Unterzeichner des Manifests zu Recht, daß Staat und Wirtschaft in die falsche Richtung gehen, "Arm in Arm". Oder sollte man besser "arm in arm" lesen, angesichts dieser selbstverschuldeten, selbstverordneten Armut an Ambitionen, dieser gefährlichen Handlungshemmung, deren einzige Tat darin liegt, daß man an der vielbeschworenen Zukunft tüchtig spart?

Was deutsche Unternehmen für Forschung und Entwicklung neuer Produkte, also für die Verbesserung eigener Marktchancen ausgeben, behalten sie am liebsten im eigenen Haus. Dort investieren sie rund fünfzig Milliarden Mark, rechnete ihnen unlängst Hans-Jürgen Warnecke, der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, vor (der nicht zu den Unterzeichnern des Manifestes gehört; auch die Helmholtz-Gemeinschaft der Großforschungsanlagen fehlt da, aber ihre Signatur ließe sich nachholen). Nur eine einzige Milliarde findet den Weg nach draußen, als Anreiz für freie Erfinder oder Institute. Auch Banken pflegen die Risikoscheu. Kaum vorstellbar, daß sie jungen Wissenschaftlern auf amerikanische Art beim Schritt in die Selbständigkeit unter die Arme greifen. Und die Geschichte jenes Kleinunternehmens, das trotz geringer Umsätze und beträchtlicher Verluste bei seiner Suche nach einem Krebsmittel kurzerhand an die Börse ging und dort zum Renner wurde, sie spielt darum auch im Großbritannien unserer Tage und nicht etwa hier bei uns.