Sokals Jux hat den Status eines klassischen succés de scandale erreicht. Über zwanzig öffentliche Symposien sind zu diesem Thema abgehalten worden oder geplant. Der Skandal zeigt, wie ich meine, drei bedeutsame Dinge. Erstens, daß relativistische Auffassungen von Wahrheit und Beweiskraft in der zeitgenössischen accademia weithin Zustimmung finden. Zweitens, daß dieser Umstand verhängnisvolle Folgen für die Standards von Wissenschaftlichkeit und intellektueller Verantwortung hat. Und drittens, daß keine dieser Behauptungen einen besonderen politischen Standpunkt widerspiegeln muß, geschweige einen konservativen.

Um der Unerhörtheit von Sokals Essay gerecht zu werden, wenigstens einige Stichproben. Sokal beginnt mit der Aufstellung seiner postmodernen Glaubenslehren; er spottet über die Naturwissenschaftler, die sich auch weiterhin an das "Dogma" klammern, "das der intellektuellen Weltauffassung des Westens von der langen nach-aufklärerischen Hegemonie auferlegt wurde": nämlich daß eine Außenwelt existiert, deren Eigenschaften von Menschen unabhängig sind, und daß Menschen verläßliche Kenntnis von diesen Eigenschaften erlangen können. Er behauptet, daß dieses Dogma von der Relativitätstheorie und der Quantengravitation bereits völlig untergraben und nachgewiesen worden sei, daß die physikalische Realität "ein soziales und sprachliches Konstrukt" sei.

Sokal kommt dann erst richtig in Schwung. Neuere Entwicklungen im Bereich der Quantengravitation bestätigen nicht nur die postmoderne Leugnung objektiver Wahrheit, sie stellen auch eine Art von Physik in Aussicht, die wahrhaft "befreiend" wäre: den echten Dienst an fortschrittlichen politischen Anliegen. Hier wird Sokals "Argumentationsführung" wirklich waghalsig, weil er versucht, politische und kulturelle Schlußfolgerungen aus der Physik des unendlich Kleinen zu ziehen. Diese Schlußfolgerungen werden durch einen Fleckerlteppich von Wortspielen erpreßten Analogien und platten Behauptungen "plausibel" gemacht. Beispielsweise geht Sokal von Bohrs Beobachtung, daß in der Quantengravitation "die vollständige Erklärung ein und desselben Gegenstandes verschiedene Beobachtungsstandpunkte erfordern kann", unvermittelt zu folgender Behauptung über:

Wie kann eine weltliche Priesterschaft von ausgewiesenen Naturwissenschaftlern beanspruchen, ein Monopol auf die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnis aufrechtzuerhalten? . . . Der Inhalt und die Methodologie postmoderner Naturwissenschaft bietet uns damit kräftige intellektuelle Unterstützung für das fortschrittliche politische Projekt, aufgefaßt im weitesten Sinne: nämlich dem der Überschreitung von Grenzen, des Niederreißens von Schranken, der radikalen Demokratisierung aller Aspekte des - sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen - Lebens.

Sokal schließt mit dem Ruf nach der Entwicklung einer emanzipierten Mathematik, die, nicht mehr auf der Grundlage der Standard-Mengenlehre beruhend, auch die progressiven und postmodernen Tendenzen der physikalischen Wissenschaft nicht mehr einengt.

Mancher Nonsens ist rein mathematischer oder naturwissenschaftlicher Art: daß die bekannte geometrische Konstante Pi eine Variable sei, daß die Theorie der komplexen Zahl, die aus dem 19. Jahrhundert stammt und allen Schulkindern eingetrichtert wird, ein neuer und spekulativer Zweig der mathematischen Physik sei oder daß die New-Age-Spinnerphantasie vom "morphogenetischen" Feld eine Leittheorie der Quantengravitation darstelle. Andere haben mit den angeblich philosophischen oder politischen Einfärbungen der Grundlagenwissenschaft zu tun: daß die Quantenfeldtheorie Lacans psychoanalytische Spekulationen zum Wesen des neurotischen Subjekts bestätige, daß die fuzzy-Logik für linke politische Anliegen besser geeignet sei als die klassische et cetera.

Manche Kommentatoren haben viel Aufhebens von der naturwissenschaftlichen, mathematischen und philosophischen Unbildung gemacht, die die Hinnahme von Sokals ingeniös ausgehecktem Geschwafel offenbaren mag. Das Gerede über Unbildung läßt jedoch eine wichtige Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Erklärungen dessen außer acht, was die Herausgeber bewogen haben mag, Sokals Beitrag zu veröffentlichen. Die eine ist die, daß sie, obwohl sie sehr genau verstanden, was Einlassungen bedeuten, sie doch für nachvollziehbar hielten, während Sokal selbst das durchaus nicht tut. Das mag sie als Spinner brandmarken, würde aber ihre Motive nicht in Zweifel ziehen. Die andere Hypothese ist die, daß sie tatsächlich kaum eine Vorstellung davon hatten, was viele dieser Sätze bedeuten. Es ist, wie ich meine, wichtig, daß gerade die zweite Hypothese richtig ist. Deshalb halte man sich beispielsweise die folgende Passage aus Sokals Essay vor Augen:

So wie liberale Feministinnen häufig mit einem minimalen Anteil an legaler und sozialer Gleichheit für Frauen zufrieden sind, sind auch liberale (und manchmal sogar sozialistische) Mathematiker häufig bereit, mit dem hegemonistischen Zermelo-Fraenkel-Modell (das, infolge seines Ursprungs im 19. Jahrhundert, bereits das Axiom der Gleichheit einschließt) zu arbeiten, das nur durch das Axiom der Wahl ergänzt wird. Dieser Rahmen aber ist äußerst unzureichend für eine Mathematik der Befreiung, wie bereits vor langer Zeit von Cohen (1966) erwiesen wurde.

Es fällt schwer zu glauben, daß ein Herausgeber bei dieser Passage nicht die Augenbrauen gerunzelt haben sollte. Denn das Gleichheitsaxiom in der Mengenlehre liefert einfach nur eine Definition für den Fall, daß zwei Mengen dieselbe Menge sind, nämlich dann, wenn sie dieselben Elemente haben; offensichtlich hat das nichts mit Liberalismus zu tun oder gar mit politischer Philosophie. Da man Dutzende ähnlicher Passagen zitieren könnte, ist der Schluß unvermeidlich, daß die Herausgeber von Social Text nicht wußten, was viele Sätze in Sokals Essay tatsächlich bedeuteten. Wie konnte eine Gruppe von Wissenschaftlern, die etwas herausgeben, das als führende Fachzeitschrift auf einem bestimmten Gebiet gilt, sich eine solch erhabene Gleichgültigkeit gegenüber Inhalt, Wahrheit und Plausibilität eines zur Publikation angenommenen wissenschaftlichen Papiers erlauben?

Zur Erklärung dieses Vorganges haben die Mitherausgeber Andrew Ross und Bruce Robbins geäußert, daß Social Text als ein ohne Sachverständige arbeitendes Journal der politischen Meinungsbildung und Kulturanalyse . . . sich ebensosehr in der Tradition der ,kleinen Zeitschrift' der unabhängigen Linken gesehen hat wie im akademischen Bereich". Aber es fällt schwer, das als angemessene Erklärung gelten zu lassen. Was Ross und Co. hätten sagen sollen, ist, wie mir scheint, daß Social Text ein politisches Magazin in einem tieferen und radikaleren Sinne ist: Unter den entsprechenden Umständen ist es bereit, bloßer Zustimmung zu seiner ideologischen Ausrichtung Vorrang vor jedem anderen Publikationskriterium einzuräumen. Die Aussicht, auf ihren Seiten einen Naturwissenschaftler - und keinen Geringeren als einen Physiker - zu Wort kommen zu lassen, der das volle Gewicht seiner Autorität für ihre "Sache" einsetzt, war für die Herausgeber verführerisch genug, den Umstand zu übersehen, daß sie eigentlich keine große Vorstellung davon hatten, welche Art Unterstützung ihnen da geboten wurde. Und eben das, scheint mir, steht im Zentrum der von Sokals Jux aufgeworfenen Problematik: nicht die bloße Existenz von Inkompetenz innerhalb der accademia, sondern eher jene spezifische Form von Inkompetenz, die daraus erwächst, daß es ideologischen Kriterien erlaubt wird, wissenschaftliche Standards so vollständig zu verdrängen, daß nicht einmal Verständlichkeit als relevant angesehen wird.

Die umfassende historische Antwort auf den Niedergang der Standards wäre eine lange Geschichte; aber nur geringer Zweifel besteht daran, daß jenes Buschfeuer dazugehört, das in weiten Bereichen der Geisteswissenschaften durch die Lunte einfältiger relativistischer Auffassungen von Wahrheit und Beweisbarkeit entzündet wurde. Diese sogenannten postmodernen Auffassungen ermutigen zur Einsetzung politischer Kriterien anstelle von Wahrheit, Beweis und Argument.

Die meisten Philosophen akzeptieren die Behauptung, daß es einen völlig losgelösten Beobachter nicht gibt, das heißt jemanden, der sich seinem Gegenstand gänzlich ohne alle vorgängigen Annahmen, Werte und Vorlieben nähert. Die Postmodernisten gehen nun aber weit über diese historistische Betrachtungsweise hinaus. Der Postmodernismus muß, wenn er versucht, die Wissenschaft von der privilegierten erkenntnistheoretischen Position zu verdrängen und damit den Unterschied zwischen ihr und anderen "Weisen der Erkenntnis" zu verwischen - beispielsweise Mythos und Aberglaube -, sehr viel weiter gehen als der Historismus. Er muß nämlich leugnen, daß die objektive Wahrheit überhaupt ein kohärentes Ziel ist, das die Forschung haben kann. Geht es nach dem Postmodernismus, dann stellt die Objektivitätsrhetorik einen bloßen Machtkampf dar, der alle anderen "Erkenntnisweisen" zum Schweigen bringen will.

Wenn es auch schwerfallen mag zu verstehen, wie jemand allen Ernstes derart extreme Auffassungen vertreten kann, ist ihre Allgegenwart heutzutage bedrückend. Ein Artikel auf der Titelseite der New York Times vom 22. Oktober 1996 bietet neuestes Anschauungsmaterial dafür. Der Artikel bezog sich auf den Konflikt zwischen zwei Theorien über den Ursprung der amerikanischen Urbevölkerung - der archäologisch-wissenschaftlichen Erklärung und der Darstellung, wie sie einige Schöpfungsmythen der Indianer geben. Laut der ersten, umfassend bestätigten Version drang die menschliche Urbevölkerung zuerst von Asien aus auf den amerikanischen Kontinent vor, und zwar auf dem Wege der Überquerung der Beringstraße vor über 10 000 Jahren. Dagegen vertreten einige indianische Schöpfungsmythen die Auffassung, daß die Indianer schon immer auf dem amerikanischen Kontinent lebten, und zwar seit ihre Urahnen aus einer unterirdischen Geisterwelt auf der Erdoberfläche auftauchten. Die Times verwies darauf, daß viele Archäologen, hin und her gerissen zwischen ihrer Verpflichtung auf die wissenschaftliche Methode und ihrer Wertschätzung der indianischen Kultur, "einem postmodernen Relativismus sehr nahe gekommen sind, für den die Wissenschaft lediglich ein weiteres Glaubenssystem ist". Roger Anyon, ein britischer Archäologe wird mit folgender Formulierung zitiert: "Die Wissenschaft ist eben nur eine von vielen Weisen, die Welt zu erkennen . . . [Die Weltanschauung der Zuni ist] ebenso gültig wie der archäologische Standpunkt in bezug auf das, was die Prähistorie ausmacht."

Wie läßt sich in alledem ein Sinn finden? Die Behauptung, daß ein Zuni-Mythos "ebenso gültig" sein kann wie die archäologische Theorie, läßt sich auf dreierlei Weisen verstehen, zwischen denen die postmodernen Theoretiker nicht hinreichend deutlich zu unterscheiden pflegen: als Behauptung in bezug auf die Wahrheit, als Behauptung in bezug auf die Rechtfertigung und als Behauptung in bezug auf den Zweck. Wie wir jedoch sehen werden, entbehren alle diese Behauptungen jedweder Plausibilität.

Als Behauptung in bezug auf die Wahrheit interpretiert, müßte man folgern, daß die Zuni- und die archäologische Auffassung gleich wahr sind. Schon vordergründig ist das jedoch unmöglich, weil sie einander widersprechen. Die eine sagt oder setzt voraus, daß die ersten Menschen auf dem amerikanischen Kontinent aus Asien kamen; die andere sagt, daß das nicht der Fall ist, daß sie vielmehr von anderswo kamen, nämlich aus einer unterirdischen Geisterwelt. Wenn ich sage, daß die Erde flach ist, und ein anderer entgegnet, sie sei rund: Wie können wir beide recht haben?

Die postmodernen Theoretiker beantworten diese Art von Argument gern mit dem Hinweis, daß beide Behauptungen wahr sein können, weil beide in bezug auf die eine oder andere Perspektive wahr sind, und daß sich jenseits dieser Perspektiven die Frage der Wahrheit nicht stellt. Im Sinne der Zuni-Perspektive kamen die ersten Menschen also aus einer unterirdischen Welt; und im Sinne der wissenschaftlichen Perspektive des Westens kamen sie aus Asien. Weil beide Aussagen im Sinne dieser oder jener Perspektive wahr sind, sind beide wahr.

Die Aussage aber, daß irgendeine Behauptung im Sinne irgendeiner Perspektive wahr ist, klingt einfach wie eine ausgefallene Art und Weise zu sagen, daß irgend jemand oder irgendeine Gruppe sie glaubt. Die entscheidende Frage ist nun: Was sagen wir dazu, wenn das, was ich glaube - was im Sinne meiner Perspektive wahr ist -, dem widerspricht, was Sie glauben - was im Sinne Ihrer Perspektive wahr ist? Das einzige, scheint mir, was sich bei Strafe völliger Unverständlichkeit zu sagen verbietet, ist, daß beide Behauptungen wahr sind.

Das sollte eigentlich einleuchten, wird aber um so klarer, wenn man diese Auffassung auf sich selbst anwendet. Denn man bedenke: Wenn eine Behauptung und ihr Gegenteil gleich wahr sein können, eine Perspektive vorausgesetzt, in bezug auf die beide wahr sind, dann müßte, weil es ja eine Perspektive - den Realismus - gibt, in bezug auf die es wahr ist, daß eine Behauptung und ihr Gegenteil nicht beide wahr sein können, der Postmodernismus einräumen, daß er selbst ebenso wahr ist wie sein Gegenteil, der Realismus. Das aber kann sich der Postmodernismus nicht leisten; vermutlich steht und fällt er mit der Überzeugung, daß der Realismus falsch ist. Und damit sehen wir, daß die Grundaussage des Postmodernismus sich selbst untergräbt.

Und wie steht es, wenn die Behauptung mit Bezug auf ihre Rechtfertigung und ihren Zweck ins Auge gefaßt wird? So betrachtet, läuft die Behauptung darauf hinaus, daß die Zuni-Geschichte und die archäologische Theorie, das verfügbare Beweismaterial vorausgesetzt, gleichermaßen gerechtfertigt sind. Im Gegensatz zum Wahrheitsfall aber ist es bei einer Behauptung und ihrer Negation nicht inkohärent, daß sie beide gleich gerechtfertigt sind, beispielsweise in Fällen, wo für beide Seiten wenig Beweismaterial vorliegt. Prima facie aber ist das jedenfalls nicht die Art von Fall, der hier strittig ist, denn dem verfügbaren Beweismaterial zufolge ist die archäologische Theorie weitaus besser bestätigt als der Zuni-Mythos.

Um das gewünschte relativistische Resultat zu erhalten, müßte ein postmoderner Theoretiker behaupten, daß die beiden Auffassungen gleich gerechtfertigt sind, die jeweiligen Beweisregeln vorausgesetzt, und hinzufügen, daß es keine objektive Tatsache gibt, die entscheidet, welcher Gruppe von Regeln der Vorzug gegeben werden muß. Dann wäre die archäologische Theorie also im Hinblick auf die Beweisregeln der westlichen Wissenschaft gerechtfertigt, und die Zuni-Geschichte wäre mit Bezug auf die Beweisregeln gerechtfertigt, wie sie von der diesbezüglich relevanten Tradition der mythenschaffenden Phantasie benutzt werden. Da es überdies keine perspektivenunabhängigen Beweisregeln gibt, die zwischen diesen beiden Gruppen von Regeln entscheiden könnten, wären beide Behauptungen gleichermaßen gerechtfertigt, und es gäbe keinerlei Möglichkeit der Wahl zwischen ihnen.

Erneut aber stellt sich das Problem nicht nur der Plausibilität, sondern auch der Selbstwiderlegung. Denn angenommen, wir räumen ein, daß jede Beweisregel genauso gut ist wie eine andere. Dann könnte jede Behauptung als gerechtfertigt gelten, sofern einfach eine angemessene Beweisregel formuliert wird, in bezug auf die sie gerechtfertigt ist. Daraus hätte dann in der Tat zu folgen, daß wir die Behauptung rechtfertigen können, daß nicht jede Beweisregel genauso gut ist wie eine andere, und damit wäre der postmoderne Theoretiker gezwungen einzuräumen, daß seine Auffassungen von Wahrheit und Rechtfertigung ebenso gerechtfertigt sind wie die seines Gegners. Vermutlich muß und will der Postmodernist aber daran festhalten, daß seine Auffassungen besser sind als die seines Widerparts; wozu sollte er sie sonst empfehlen? Wenn sich andererseits von manchen Beweisregeln sagen läßt, sie seien besser als andere, muß es perspektivenunabhängige Fakten geben, und ein kompromißloser Relativismus ist falsch.

Manchmal wird zu bedenken gegeben, daß der intendierte Sinn, in dem der Zuni-Mythos "ebenso gültig" ist, nichts mit Wahrheit oder Rechtfertigung zu schaffen hat, sondern eher mit den unterschiedlichen Zwecken, denen der Mythos dient - im Unterschied zu denen der Wissenschaft. Das Unangenehme an dieser Lesart des "ebenso gültig" ist nicht so sehr, daß sie falsch ist, sondern daß sie für das in Rede stehende Problem irrelevant ist. Denn wenn der Zuni-Mythos nicht dazu benutzt wird, mit der archäologischen Theorie als Darstellung der Prähistorie in Wettstreit zu treten, hat seine Existenz keine Aussicht, irgendeinen Zweifel an der Objektivität der von der Wissenschaft gelieferten Darstellung zu beseitigen. Wenn ich sage, daß die Erde flach ist, und Sie überhaupt keine Behauptung aufstellen, sondern mir statt dessen eine interessante Geschichte erzählen, ergibt das keinerlei Möglichkeit, tiefschürfende Fragen zur Objektivität dessen aufzuwerfen, was einer von uns sagte oder tat.

Gibt es vielleicht eine schwächere These, die, weil vertretbarer als diese einfältigen Relativismen, dennoch ein antiobjektivistisches Ergebnis liefern würde? Stanley Fish beispielsweise äußert sich beim Versuch, Sokals Charakterisierung des Postmodernismus in Mißkredit zu bringen, etwa folgendermaßen (Leserbrief an die New York Times):

Die Aussagen der Wissenschaftssoziologen laufen darauf hinaus, daß die Welt natürlich real und unabhängig von unseren Beobachtungen ist, daß aber Darstellungen der Welt von deren Beobachtern geliefert werden und deshalb auf ihre Fähigkeiten, Erziehung, Ausbildung und so weiter bezogen sind. Es ist nicht die Welt oder ihre Eigenschaften, sondern die Vokabularien, in deren Begriffen wir sie erkennen, die gesellschaftlich geprägt sind . . .

Es versteht sich von selbst, daß die Vokabularien, mittels deren wir die Welt zu erkennen versuchen, gesellschaftlich geprägt sind und deshalb verschiedene zufällige Aspekte unserer Fähigkeiten, Grenzen und Interessen widerspiegeln. Daraus folgt aber nicht, daß diese Vokabularien deshalb auch unfähig sind, den gültigen Standards für den Ausdruck und die Entdeckung objektiver Wahrheiten Genüge zu tun. Warum das nicht so ist, wollen wir an Fishs eigenem Beispiel veranschaulichen. Es besteht keinerlei Zweifel, daß das Baseball-Spiel in der Form, wie wir es kennen, nämlich mit seinen besonderen Auffassungen von dem, was als "Fehlschlag" und was als "Fehlwurf" zählt, verschiedene zufällige Gegebenheiten von uns als physischen und sozialen Geschöpfen widerspiegelt. "Fehlschlag" und "Fehlwurf" sind gesellschaftlich geprägte Begriffe wie keine anderen. Sobald diese Begriffe aber einmal definiert sind - und der Fehlschlagbereich verbindlich festgelegt ist -, gibt es jetzt objektive Fakten in bezug auf das, was als Fehlschlag, und das, was als Fehlwurf zu zählen hat.

Ganz ähnlich spiegelt unsere Wahl eines bestimmten begrifflichen Schemas anstelle eines anderen zum Zweck der wissenschaftlichen Betätigung wahrscheinlich verschiedene zufällige Gegebenheiten hinsichtlich unserer Fähigkeiten und Grenzen wider, so daß ein Denker mit ganz anderen Fähigkeiten und Grenzen, beispielsweise ein Marsmensch, es für ganz selbstverständlich halten könnte, auch ein völlig anderes Schema zu benutzen. Das trägt aber nichts zu dem Nachweis bei, daß unser begriffliches Schema zum Ausdruck objektiver Wahrheiten unfähig ist. Der Realismus ist nicht darauf festgelegt, daß es nur ein einziges Vokabular gibt, in dem objektive Wahrheiten zum Ausdruck gebracht werden können; alles, worauf er festgelegt ist, ist die schwächere Behauptung, daß, wenn ein Vokabular einmal spezifiziert ist, es von da an eine objektive Frage ist, ob in diesem Vokabular ausgedrückte Behauptungen wahr oder falsch sind.

Es bleiben nach der Sokal-Affäre zwei Rätsel zu lösen. In Anbetracht der Grundsätze des Postmodernismus: Wie konnten sie je mit einer fortschrittlichen politischen Zielsetzung identifiziert werden? Und in Anbetracht der Tatsache ihrer offenkundigen Widerlegbarkeit: Wie konnten sie je derart weitverbreitete Anerkennung finden?

In den Vereinigten Staaten steht der Postmodernismus in enger Verbindung zu der unter dem Namen Multikulturalismus bekannt gewordenen Bewegung, die, als der Versuch gilt, den Beiträgen von Kulturen und Gemeinschaften Achtung zu verschaffen, deren Leistungen historisch unterschätzt oder außer acht gelassen worden sind. In dieser Verbindung hat er Anklang bei bestimmten progressiv gestimmten Kreisen gefunden, weil er die philosophischen Hilfsmittel liefert, mit denen sich verhindern läßt, daß unterdrückte Kulturen angeklagt werden, falsche oder ungerechtfertigte Auffassungen zu vertreten.

Aber sogar aus rein politischen Gründen fällt es schwer zu verstehen, daß sich hier eine gute Art und Weise entwickelt haben könnte, sich Multikulturalismus vorzustellen. Denn wenn die herrschenden Mächtigen die Unterdrückten nicht kritisieren können, weil die zentralen epistemologischen Kategorien unerbittlich an besondere Perspektiven geknüpft sind, folgt darauf, daß auch die Unterdrückten die Mächtigen nicht kritisieren können. Das einzige Hilfsmittel vor dem, was als zutiefst konservatives Ergebnis droht, ist, soweit ich sehen kann, die Anerkennung eines doppelten Standards: Man muß zulassen, daß eine fragwürdige Idee kritisiert wird, wenn sie von den Inhabern von Machtpositionen vertreten wird - beispielsweise dem christlichen "Kreationismus" -, nicht aber, wenn sie von den unterdrückten Opfern vertreten wird - etwa dem Zuni-"Kreationismus". So vertraut uns dieses Stratagem auch geworden ist, wie ist es möglich, daß es Anklang bei irgend jemandem gefunden hat, der auch nur über den geringsten Grad von intellektueller Aufrichtigkeit verfügt? Und wie kann es anders als anstoßerregend auf fortschrittliche Kreise wirken, deren Sache es angeblich doch fördern soll?

Was die zweite Frage betrifft, nämlich die der weitverbreiteten Anerkennung, so lautet die knappe Antwort, daß Fragen nach Wahrheit, Bedeutung und Objektivität zu den schwierigsten und dornigsten gehören, denen sich die Philosophie zu stellen hat, und deshalb sehr häufig falsch behandelt werden. Eine ausführlichere Antwort hätte eine Erklärung dafür zu bieten, warum die analytische Philosophie, die vorherrschende philosophische Richtung in der englischsprachigen Welt, nicht in der Lage war, überzeugendere Lösungen beizusteuern. Kann es daran liegen, daß sie den Vorwurf, sie habe sich abgekapselt, wenigstens teilweise verdient?

Alan Sokals Jux wirft ein Schlaglicht auf das, was sich als Proteststurm gegen den Kollaps der Maßstäbe von Wissenschaftlichkeit und intellektueller Verantwortung zusammengebraut hat, der weite Bereiche der Geisteswissenschaften in Mitleidenschaft zieht. Bezeichnenderweise kamen einige der bissigsten Kommentare von hervorragenden Vertretern der Linken, ein Indiz dafür, daß, wenn es zu derart grundlegenden Grenzverletzungen wie diesen kommt, politische Bündnisse keinerlei Schutz mehr bieten. Jeder, der noch immer dazu neigt, die Gewichtigkeit des in Rede stehenden Problems in Zweifel zu ziehen, braucht nur Sokals Parodie zu lesen.

Aus dem Englischen von Hans-Horst Henschen.

Paul Boghossian ist Professor für Philosophie an der New York University.