Manche Kommentatoren haben viel Aufhebens von der naturwissenschaftlichen, mathematischen und philosophischen Unbildung gemacht, die die Hinnahme von Sokals ingeniös ausgehecktem Geschwafel offenbaren mag. Das Gerede über Unbildung läßt jedoch eine wichtige Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Erklärungen dessen außer acht, was die Herausgeber bewogen haben mag, Sokals Beitrag zu veröffentlichen. Die eine ist die, daß sie, obwohl sie sehr genau verstanden, was Einlassungen bedeuten, sie doch für nachvollziehbar hielten, während Sokal selbst das durchaus nicht tut. Das mag sie als Spinner brandmarken, würde aber ihre Motive nicht in Zweifel ziehen. Die andere Hypothese ist die, daß sie tatsächlich kaum eine Vorstellung davon hatten, was viele dieser Sätze bedeuten. Es ist, wie ich meine, wichtig, daß gerade die zweite Hypothese richtig ist. Deshalb halte man sich beispielsweise die folgende Passage aus Sokals Essay vor Augen:

So wie liberale Feministinnen häufig mit einem minimalen Anteil an legaler und sozialer Gleichheit für Frauen zufrieden sind, sind auch liberale (und manchmal sogar sozialistische) Mathematiker häufig bereit, mit dem hegemonistischen Zermelo-Fraenkel-Modell (das, infolge seines Ursprungs im 19. Jahrhundert, bereits das Axiom der Gleichheit einschließt) zu arbeiten, das nur durch das Axiom der Wahl ergänzt wird. Dieser Rahmen aber ist äußerst unzureichend für eine Mathematik der Befreiung, wie bereits vor langer Zeit von Cohen (1966) erwiesen wurde.

Es fällt schwer zu glauben, daß ein Herausgeber bei dieser Passage nicht die Augenbrauen gerunzelt haben sollte. Denn das Gleichheitsaxiom in der Mengenlehre liefert einfach nur eine Definition für den Fall, daß zwei Mengen dieselbe Menge sind, nämlich dann, wenn sie dieselben Elemente haben; offensichtlich hat das nichts mit Liberalismus zu tun oder gar mit politischer Philosophie. Da man Dutzende ähnlicher Passagen zitieren könnte, ist der Schluß unvermeidlich, daß die Herausgeber von Social Text nicht wußten, was viele Sätze in Sokals Essay tatsächlich bedeuteten. Wie konnte eine Gruppe von Wissenschaftlern, die etwas herausgeben, das als führende Fachzeitschrift auf einem bestimmten Gebiet gilt, sich eine solch erhabene Gleichgültigkeit gegenüber Inhalt, Wahrheit und Plausibilität eines zur Publikation angenommenen wissenschaftlichen Papiers erlauben?

Zur Erklärung dieses Vorganges haben die Mitherausgeber Andrew Ross und Bruce Robbins geäußert, daß Social Text als ein ohne Sachverständige arbeitendes Journal der politischen Meinungsbildung und Kulturanalyse . . . sich ebensosehr in der Tradition der ,kleinen Zeitschrift' der unabhängigen Linken gesehen hat wie im akademischen Bereich". Aber es fällt schwer, das als angemessene Erklärung gelten zu lassen. Was Ross und Co. hätten sagen sollen, ist, wie mir scheint, daß Social Text ein politisches Magazin in einem tieferen und radikaleren Sinne ist: Unter den entsprechenden Umständen ist es bereit, bloßer Zustimmung zu seiner ideologischen Ausrichtung Vorrang vor jedem anderen Publikationskriterium einzuräumen. Die Aussicht, auf ihren Seiten einen Naturwissenschaftler - und keinen Geringeren als einen Physiker - zu Wort kommen zu lassen, der das volle Gewicht seiner Autorität für ihre "Sache" einsetzt, war für die Herausgeber verführerisch genug, den Umstand zu übersehen, daß sie eigentlich keine große Vorstellung davon hatten, welche Art Unterstützung ihnen da geboten wurde. Und eben das, scheint mir, steht im Zentrum der von Sokals Jux aufgeworfenen Problematik: nicht die bloße Existenz von Inkompetenz innerhalb der accademia, sondern eher jene spezifische Form von Inkompetenz, die daraus erwächst, daß es ideologischen Kriterien erlaubt wird, wissenschaftliche Standards so vollständig zu verdrängen, daß nicht einmal Verständlichkeit als relevant angesehen wird.

Die umfassende historische Antwort auf den Niedergang der Standards wäre eine lange Geschichte; aber nur geringer Zweifel besteht daran, daß jenes Buschfeuer dazugehört, das in weiten Bereichen der Geisteswissenschaften durch die Lunte einfältiger relativistischer Auffassungen von Wahrheit und Beweisbarkeit entzündet wurde. Diese sogenannten postmodernen Auffassungen ermutigen zur Einsetzung politischer Kriterien anstelle von Wahrheit, Beweis und Argument.

Die meisten Philosophen akzeptieren die Behauptung, daß es einen völlig losgelösten Beobachter nicht gibt, das heißt jemanden, der sich seinem Gegenstand gänzlich ohne alle vorgängigen Annahmen, Werte und Vorlieben nähert. Die Postmodernisten gehen nun aber weit über diese historistische Betrachtungsweise hinaus. Der Postmodernismus muß, wenn er versucht, die Wissenschaft von der privilegierten erkenntnistheoretischen Position zu verdrängen und damit den Unterschied zwischen ihr und anderen "Weisen der Erkenntnis" zu verwischen - beispielsweise Mythos und Aberglaube -, sehr viel weiter gehen als der Historismus. Er muß nämlich leugnen, daß die objektive Wahrheit überhaupt ein kohärentes Ziel ist, das die Forschung haben kann. Geht es nach dem Postmodernismus, dann stellt die Objektivitätsrhetorik einen bloßen Machtkampf dar, der alle anderen "Erkenntnisweisen" zum Schweigen bringen will.

Wenn es auch schwerfallen mag zu verstehen, wie jemand allen Ernstes derart extreme Auffassungen vertreten kann, ist ihre Allgegenwart heutzutage bedrückend. Ein Artikel auf der Titelseite der New York Times vom 22. Oktober 1996 bietet neuestes Anschauungsmaterial dafür. Der Artikel bezog sich auf den Konflikt zwischen zwei Theorien über den Ursprung der amerikanischen Urbevölkerung - der archäologisch-wissenschaftlichen Erklärung und der Darstellung, wie sie einige Schöpfungsmythen der Indianer geben. Laut der ersten, umfassend bestätigten Version drang die menschliche Urbevölkerung zuerst von Asien aus auf den amerikanischen Kontinent vor, und zwar auf dem Wege der Überquerung der Beringstraße vor über 10 000 Jahren. Dagegen vertreten einige indianische Schöpfungsmythen die Auffassung, daß die Indianer schon immer auf dem amerikanischen Kontinent lebten, und zwar seit ihre Urahnen aus einer unterirdischen Geisterwelt auf der Erdoberfläche auftauchten. Die Times verwies darauf, daß viele Archäologen, hin und her gerissen zwischen ihrer Verpflichtung auf die wissenschaftliche Methode und ihrer Wertschätzung der indianischen Kultur, "einem postmodernen Relativismus sehr nahe gekommen sind, für den die Wissenschaft lediglich ein weiteres Glaubenssystem ist". Roger Anyon, ein britischer Archäologe wird mit folgender Formulierung zitiert: "Die Wissenschaft ist eben nur eine von vielen Weisen, die Welt zu erkennen . . . [Die Weltanschauung der Zuni ist] ebenso gültig wie der archäologische Standpunkt in bezug auf das, was die Prähistorie ausmacht."