Nimmt das Grauen kein Ende? Drei Mädchen wurden innerhalb weniger Monate in Deutschland entführt, vergewaltigt, ermordet. Und fast immer sind die mutmaßlichen Täter Männer, die schon zuvor ein Kind geschändet, in einem Fall sogar getötet hatten.

Gerade diese Verbrechen an Kindern sind es, die uns ohnmächtig vor Entsetzen und Wut werden lassen, weil wir die nicht schützen konnten, die in besonderem Maß unseres Schutzes bedürfen. Es ist verständlich, daß jetzt nach Repressalien gerufen wird. Die Bonner Koalition hat reagiert und will rasch einige Veränderungen auf den Weg bringen. So soll es möglich sein, Sexualverbrecher nach Verbüßung ihrer Freiheitsstrafe leichter und länger in Sicherungsverwahrung zu nehmen. Das ist sinnvoll, wenn auch heikel. Denn hier büßt der Verbrecher nicht mehr für seine Tat; er wird überdies weggeschlossen, weil er gefährlich ist. Manchmal aber kann die Gesellschaft sich nicht anders helfen.

Doch Strafen und Verwahren bieten keinen absoluten Schutz gegen Wiederholungstäter. Die Frage bleibt deshalb: Was, wenn Therapie, Medikamente und sogar Kastration keine Gewähr dafür bieten, daß die Triebe nicht irgendwann wieder durchbrechen? Nach der Statistik werden von hundert Triebtätern dreißig rückfällig, nur weiß niemand genau, wer von ihnen zum Wiederholungstäter wird. Müssen dann nicht alle Verurteilten lebenslang hinter Gittern bleiben?

In einem Augenblick tiefer Erbitterung fällt es schwer, darauf besonnen zu antworten. Man kann argumentieren: Der vorbeugende Schutz von Menschenleben - auch wenn die Gefahr zunächst nur abstrakt ist - rechtfertige es, Triebtäter für immer wegzusperren. Andernfalls nehme man bewußt weitere Opfer in Kauf. Wenn jedoch hundert Sexualverbrecher - ein makabres Rechenexempel - bis zu ihrem Tod dafür büßen müßten, daß nach der Statistik dreißig von ihnen rückfällig werden, dann würden jene siebzig, die niemals wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, zum bloßen Objekt staatlicher Verbrechensbekämpfung. Mit dem endgültigen Verlust der Freiheit würde ihnen letztlich das Leben genommen.

Einen Opferschutz zu absoluten Lasten potentieller Täter aber kann es nicht geben. Die Menschlichkeit muß auch dem schlimmsten Verbrecher zumindest eine Chance geben, wieder frei zu kommen. Das Bundesverfassungsgericht hat schon vor zwanzig Jahren entschieden: "Der Kern der Menschenwürde wird getroffen, wenn der Verurteilte ungeachtet der Entwicklung seiner Persönlichkeit jegliche Hoffnung, seine Freiheit wiederzuerlangen, aufgeben muß."

Es zählt zu den wirklich großen Fortschritten der modernen humanen Gesellschaft, daß auch der Verbrecher menschlich behandelt wird. Die Strafe dient grundsätzlich dem Ziel, einem Verurteilten die Einordnung in die Gemeinschaft wieder zu ermöglichen. Das heißt auch: Jeder Fall muß für sich betrachtet werden. Auch der Triebtäter hat ein Recht darauf, daß die Justiz - wenngleich streng - prüft, ob er weiterhin gefährlich ist. Fällt die Prognose für ihn günstig aus, muß die Zellentür geöffnet werden.