1. Die Bundesrepublik Deutschland ist in Gefahr, entscheidende Zukunftschancen zu verspielen. Die Schaffung neuen Wissens, dessen intelligente Nutzung und schnelle Anwendung werden in der modernen Industriegesellschaft immer wichtiger. Zur Zukunftssicherung wäre es zum gegenwärtigen Zeitpunkt notwendig, die Investitionen in Ausbildung und Forschung deutlich zu erhöhen. Statt dessen werden sie unter dem Diktat einer alle anderen Politikfelder dominierenden Fiskalpolitik weiter verringert. Weder die Globalisierung der Wirtschaft und der damit zunehmende Kostendruck noch die Anpassungsprozesse, die die europäische Einigung erfordert, rechtfertigen es, die Bildungs- und Forschungsinvestitionen zu reduzieren. Im Gegenteil - die gegenwärtige Krise kann nur durch mehr Investition in Intelligenz und Einfallsreichtum, die wichtigsten Ressourcen unseres Landes, bewältigt werden. Einseitige Schuldzuweisungen greifen nicht: Derzeit gehen in Deutschland Staat und Wirtschaft Arm in Arm in die falsche Richtung. Schnelle Umkehr tut not. Wir müssen in Politik und Wirtschaft andere Prioritäten - Prioritäten für unsere Zukunft - setzen.

2. Die Arbeitsgesellschaft befindet sich weltweit in einem Wandlungsprozeß, dessen Folgen noch kaum überschaubar sind. Im Bereich der herkömmlichen Erwerbsarbeit nimmt die strukturelle Arbeitslosigkeit zu, doch entstehen zugleich neue Arbeitsfelder, und der Bedarf an neuartigen Produkten und Dienstleistungen für die Bewältigung komplexer Probleme wächst schnell. In der Ausbildung und flexiblen Weiterbildung der hierfür notwendigen Arbeitskräfte liegen die Zukunftsaufgaben und die Chancen für die Institutionen der Lehre und Forschung - und damit für die ganze Gesellschaft. Im Wettbewerb auf innovativen Arbeitsfeldern, die allein neue, zukunftssichere Arbeitsplätze versprechen, wird sich Deutschland behaupten müssen, das ein Hochlohnland ist und bleiben wird.

3. Um den weltweiten Wettbewerb der Ideen und Innovationen zu bestehen, braucht die Bundesrepublik erstklassige Universitäten. Ihre leistungsbezogene Reform, die eine höhere Differenzierung der einzelnen Hochschulen möglich macht, ist überfällig. Nur so kann auch die Breitenausbildung entscheidend verbessert werden. Zugleich müssen unsere Universitäten durch die entsprechende Gestaltung der Studiengänge und eine Veränderung ihrer Organisationsstruktur wieder international konkurrenz- und anschlußfähig werden.

4. In der Reform der Universitäten und des Bildungs- und Ausbildungssystems liegt eine besondere Herausforderung für die einzelnen Bundesländer. Sie sollten die Chancen unseres föderalen Systems weit mehr als bisher nutzen und in einen Wettbewerb zur Schaffung der besten Schulen und Hochschulen eintreten. Erweist sich das Hochschulrahmengesetz (HRG) dabei als hinderlich, so sollte es ersatzlos abgeschafft werden: besser kein HRG als ein Gesetz, das Innovation und Wettbewerb behindert! Nicht aus Kostengründen, sondern um die Qualität der guten und sehr guten Bildungs- und Forschungseinrichtungen noch zu verbessern, dürfen die Schließung mittelmäßiger Institutionen und die Aufgabe unproduktiver Standorte kein Tabu sein.

Eine Politik, die Ausbildung und Forschung keine Priorität einräumt, verspielt die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Sie nimmt der Jugend das Vertrauen in die Zukunft und den Mut zum vorausschauenden Handeln. Hier muß die Politik umsteuern. Sie muß zugleich bürokratische Hemmnisse abbauen, die in der Bundesrepublik das Entstehen einer zeitgemäßen Dienstleistungsmentalität verhindern sowie den Mut zu Eigenverantwortung und Risiko hemmen. Auch kann die Bereitschaft, wenigstens einen Teil der hohen privaten Vermögen in die Bewältigung gesamtgesellschaftlicher Zukunftsaufgaben zu investieren, nur wachsen, wenn der Gesetzgeber, vor allem im Stiftungs- und Steuerrecht, dafür die Rahmenbedingungen schafft.

6. In Ausbildung und Forschung liegen unsere entscheidenden Zukunftschancen. In der Bundesrepublik Deutschland aber sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in weniger als einem Jahrzehnt um mehr als ein Viertel auf 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken. Nur der Versuch, diesen Anteil wieder der Dreiprozentmarke anzunähern, würde Deutschland einen vorderen Platz unter den OECD-Ländern sichern. Gerade in Krisenzeiten wie heute, die schmerzhafte Veränderungen und notwendige Einschränkungen verlangen, ist in der Bildungs-, Forschungs- und Wissenschaftspolitik antizyklisches Handeln notwendig.