Der Wachmann Christoph Meili, 28 Jahre alt, ertappt die Schweizerische Bankgesellschaft beim Vernichten brisanter Akten aus den dreißiger Jahren. Er trifft binnen weniger Minuten eine Entscheidung, die sein Leben verändert, die Bank ins internationale Scheinwerferlicht rückt und die Welt glauben macht, beim Aufspüren verschollener jüdischer Vermögen gehe es weiterhin nicht mit rechten Dingen zu.

Am Abend des 8. Januar greift sich Christoph Meili im Keller der Bank einige Ordner vor dem Aktenvernichter und stellt sie anderntags der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich zu. Das ist ganz offensichtlich nicht der Dienstweg, und die Dinge nehmen einen entsprechend turbulenten Verlauf. Einerseits wird Meili zum Helden erklärt, der Senator Alfonse D'Amato in New York, rühriger Ankläger der Schweizer Banken, beglückwünscht ihn am Telephon und lädt ihn in die USA ein. Die Anti Defamation League ehrt ihn und sammelt 50 000 Franken. Andererseits ist Meili von der Wachgesellschaft suspendiert worden der Bezirksstaatsanwalt hat ihn vier Stunden lang befragt, und der Präsident der Bankgesellschaft hielt ihm in der TV-Sendung "Arena", die von der halben Schweiz gesehen wird, noch andere Gründe für sein Handeln vor. Welche, das konnte er nicht sagen, daher klagt jetzt Meilis Anwalt gegen den Präsidenten wegen Ehrverletzung.

Ein junger Mann also stellt sich gegen die mächtigste Bank der Schweiz - und gewinnt. Christoph Meili bewegt sich so normal und sicher, als hätte er und nicht der Präsident der Großbank schon immer eine Korona von Anwälten um sich gehabt und die teuren Seminare für Medienauftritte durchlaufen. Mit kurzen, dunklen Haaren, einer Brille mit feinem Rand lächelt er verhalten und gibt schnörkellose Kommentare ab. Er sei kein besonderer Held. Die Schweiz brauche Leute mit Mut. "Die Banken sollen einmal geradestehen für das, was sie machen."

Seinen inneren Kompaß findet er in einer persönlichen Religiosität er ist kein Kirchgänger oder Sektenmitglied. Doch gegenüber den Zeitungen bezieht er sich mehrmals auf Gott. Sicherheit gibt ihm auch seine Frau. Ihr legt er noch in der Nacht die Dokumente aus der Bank vor, und sie hat offenbar seinen riskanten Entschluß gebilligt. Ein junges Paar mit einer vierjährigen Tochter und einem zweijährigen Sohn wagt es, die Stelle hinzuschmeißen, der Wahrheit zuliebe.

Dabei hat Meili bereits erfahren, wie unsicher die Zeiten sind.

Er lernte Radio- und TV-Verkäufer, wurde arbeitslos, machte eine Handelsschule und arbeitete zuletzt für die Wachgesellschaft.

Die Bank hatte deren Dienste bei Umbauarbeiten beansprucht und sich so Christoph Meili ins Haus geholt. Der Präsident dieser Bank, Robert Studer, riskierte in seinem Leben weniger. Aus einfachen Verhältnissen stammend, trat er schon als Lehrling in diese Bank ein, stieg im Ellbogenklima der Bahnhofstraße auf und präsidiert seit letztem Frühjahr. Die Aktenvernichtung hat beide Männer kurzgeschlossen - und Meili mit der inneren Freiheit überragt jenen, der immer muß und nicht anders kann. Denn der Präsident mußte ihm uneingestandene Motive unterschieben, mußte das Bankgeheimnis anrufen er schrieb Meilis Anwalt, sein Mandant habe sich "wiederholt abschätzig über die Schweizerische Bankgesellschaft geäußert". Meili dagegen kehrte den Druck nach außen, er dachte nicht an eine gütliche und stille Bereinigung. Meili traute den Verantwortlichen nicht.