In den siebziger Jahren zogen sich die Schriftsteller in ihre eigenen vier Wände zurück und quälten sich mit Familienproblemen.

Wie viele Väterbücher damals, nach 1968, geschrieben wurden - wer kann sie heute noch zählen? Die Prosa von Paul Kersten, Elisabeth Plessen, Peter Henisch, Peter Härtling, Bernward Vesper, Christoph Meckel und anderen folgte demselben Muster: Erst das erlebte Sterben des Vaters motivierte die schreibenden Töchter und Söhne zu einem "Abschied von den Eltern" (Peter Weiss).

Seither zucke ich jedes Mal zusammen, wenn es wieder um den Tod eines Vaters geht. Kaum vorzustellen, daß diesem literarischen Motiv neue Seiten abgewonnen werden können. Aber sie häufen sich wieder, die Sterbensbücher. Man denke nur an Ludwig Fels und seinen Bericht über den Tod der Mutter ("Der Himmel war eine große Gegenwart", 1990) oder an Melitta Breznik und ihre Erzählung über das Sterben des Vaters ("Nachtdienst", 1995).

An Brezniks eindrucksvollem Debüt wird man Ulrike Kolbs neuen Roman messen. Auch in der Prosa der 1942 geborenen Frankfurter Autorin mit dem irreführenden Titel "Roman ohne Held" geht es um eine medizinisch exakte Beschreibung des Sterbens. Das radikal Neue indes an Ulrike Kolbs Memento mori ist, daß die Leiche selbst von den letzten Dingen berichtet. In dieser Erzählperspektive liegt ein Akt der Wiedergutmachung. Der tote Vater wird zum Helden und antwortet gleichsam stellvertretend für all die in früheren Büchern stumm zu Grabe getragenen Väter.

Dennoch: Spektakulär ist diese Erzählperspektive bei fortschreitender Lektüre immer weniger. Man vergißt, daß hier eigentlich ein Toter spricht der hier redet, könnte auch einer aus dem Diesseits sein.

Die Autorin hat das wohl selbst gemerkt. Immer wieder muß sie sich mit stereotypen Einlassungen wie "lebte ich noch", "wäre ich noch am Leben" oder "wie ich zu Lebzeiten gesagt hätte" der behaupteten Jenseitigkeit ihrer Erzählperspektive vergewissern.

Und selbst der tote Vater räumt ein, daß aus ihm im Grunde die Tochter spricht: "Ich, der ich sie ja schließlich gezeugt habe, bin darauf reduziert, das Ergebnis ihrer Fantasie zu sein."