Nicht wenige Kritiker in Italien haben den "Fall Sofri" mit dem Fall Dreyfus verglichen, jenem Justizskandal, der die französische Gesellschaft grundlegend erschüttert hat. Auch diesmal kann von Indizien nicht die Rede sein: Der Kunsthistoriker Adriano Sofri, 55, ist von einem ehemaligen Aktivisten der linksradikalen Bewegung Lotta continua beschuldigt worden, er habe den Rachemord an einem Polizisten angestiftet. Obwohl gegen Sofri keinerlei Beweise vorlagen, wurde er verurteilt. Erbittert haben weite Teile der italienischen Öffentlichkeit gegen den erstinstanzlichen Richterspruch protestiert aber kaum einer hat so leidenschaftlich für Adriano Sofri gestritten wie der Historiker Carlo Ginzburg. In einer intensiven Studie hat der Sohn der Schriftstellerin Natalia Ginzburg die Prozeßakten analysiert ("Der Richter und der Historiker", Wagenbach-Verlag) und eine Revision gefordert. Erfolglos, wie sich nun gezeigt hat.

Nach nicht weniger als sieben Verhandlungen kam vor wenigen Tagen in Mailand ein Gerichtsverfahren zum Abschluß, das fast neun Jahre lang die italienische Öffentlichkeit aufgerührt und gespalten hat. Der Kassationshof hat die im Berufungsverfahren gegen Adriano Sofri, Giorgio Pietrostefani und Ovidio Bompressi vom Schwurgericht in Mailand gefällten Urteile bestätigt.

Juristisch gesehen hatte die Geschichte im Jahre 1988 begonnen.

Die Vorgeschichte jedoch reicht beinahe zwanzig Jahre zurück, nämlich in jene Phase politischer Radikalisierung, die zwischen Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre nahezu alle Industriestaaten erlebten. In Italien aber hatten die Arbeiterkämpfe ihren Höhepunkt nicht, wie in Frankreich, im Mai 68 erreicht, sondern ein Jahr später, im sogenannten "heißen Herbst". Am 12.

Dezember 1969 explodierte in einer der Niederlassungen der Banca dell'Agricoltura in Mailand eine Bombe, der sechzehn Menschen zum Opfer fielen eine weitere Bombe detonierte in Rom in der Nähe des Vaterlandsaltars, ohne daß Menschen starben. In den folgenden Jahren zeigte sich, daß für die Anschläge neonazistische Gruppen verantwortlich waren, unterstützt und gesteuert von Geheimdiensten, die versuchten, die politischen Machtverhältnisse in Italien nach rechts zu verschieben. Die Anschläge auf Züge und Bahnhöfe, die in Italien zehn Jahre lang zahlreiche Opfer forderten, haben hier, in den Erpressungen, die mit den Bomben des Jahres 1969 verbunden waren, ihren Ursprung.

Allerdings, die Polizei suchte damals in einer ganz anderen politischen Richtung: bei den Anarchisten. Wer sonst außer ihnen konnte sich solch offenkundige Symbole ausgesucht haben: eine Bank, den Vaterlandsaltar?

Der Öffentlichkeit wurde ein Anarchist, noch dazu ein Tänzer, als das "Monster" dargeboten, das die Bombe in der Banca dell'Agricoltura gelegt hatte. Außerdem wurde Giuseppe Pinelli, ein anarchistischer Eisenbahner, über drei Tage, länger als gesetzlich erlaubt, im Mailänder Polizeipräsidium festgehalten. In einer der Vernehmungspausen stürzte Pinelli aus einem Fenster des Präsidiums. Die Polizei sprach sofort von Selbstmord. In den Reihen der Linken, der parlamentarischen wie der außerparlamentarischen, aber hieß es, die Polizei habe Pinelli im Lauf eines übermäßig brutalen Verhörs "selbstermordet".