Die Geschichte in ihrer Tiefe auszuloten und sie in eine überschaubare Erzählung zu fassen ist Sache bedeutender europäischer Romane.

Thomas Manns Josephsroman, der Abstieg in einen Zeitbrunnen von biblischen Ausmaßen, oder Hermann Brochs "Vergil", ein riesiges Gemälde aus vorchristlicher Zeit, verkörpern die Anstrengung, einer gewaltigen Historie eine Einheit zu geben - natürlich in den Konturen eines einzelnen großen Individuums.

Amerika hingegen, Inbegriff räumlicher Unendlichkeit, aber nur ein paar Generationen jung, bietet historischen Stoff allenfalls für Familiensagas. Seine Geschichte ist die Geschichte der allmählich nach Westen ziehenden Einwanderer, deren Vergangenheit sich in der europäischen Vorgeschichte verliert und deren Zukunft immer nur der nächste Tag ist. Amerikas Geschichte kann nicht in ihrer Tiefendimension, sie muß in der Breite erzählt werden, wo sie sich in eine Unzahl von Geschichten auflöst.

Ein simpler Kunstgriff hat es der durch ihren Roman "Schiffsmeldungen" bekannt gewordenen Amerikanerin E. Annie Proulx erlaubt, Geschichte quasi räumlich zu erzählen. Nicht eine Figur oder eine Familie ist ihr roter Faden, sondern ein Gegenstand: "das grüne Akkordeon".

Wie es im Lauf eines Jahrhunderts von Hand zu Hand, von Staat zu Staat, vom sizilianischen Bauern zum schwäbischen Pionier, vom Trailer eines Mexikaners in eine texanische Pfandleihe, von einem frankoamerikanischen Waisenkind zu einem baskischen Hirten gerät, wie es geliebt und vergessen und wie es zum Aufbewahrungsort für vierzehn Tausenddollarscheine wird, die im Moment seines "Todes" aufflattern: Das ist der Autorin Erzählanlaß nicht nur für ein paar, sondern für Tausende von Geschich ten mit Hunderten von Figuren, von denen jede zweite eine Herkunft und eine Todesart, jede zehnte eine komplette Lebensgeschichte erhält, während der Rest vorbeizieht, nur kurz vom Streulicht der Erzählung beleuchtet. Es muß nur einer auf einem Pferd dahergeritten kommen, schon ist dies Grund genug, einen weiteren Faden in den riesigen amerikanischen Quilt einzuweben: "Ludwig Messermacher . . . band seinen gefleckten Gaul an einem wackligen Geländer fest, ein Pferd, das zuerst, wovon er nichts wußte, von einem Nez Percé namens Bill Roy oben im Palouse-Gebiet an einen wandernden Zahnarzt und Quacksalber verkauft worden war, dann an einen Straßenraubvirtuosen in Montana, an einen Regierungsbeamten vom R osebud-Reservat und an eine Reihe von Ranchern und Farmern, deren keiner es lange behielt . . . (Auf dem Urgroßvater dieses Pferdes hatte Bill Roys Großvater gesessen, als er mit einem Bogen aus laminiertem Bergschafhorn eine Büffelkuh und das neben ihr rennende Kalb mit einem einzigen Pfeil erlegte)."

Ein kleines grünes Knopfakkordeon kann keine Einheit in einem solchen aus Erzähllust geborenen Geschichtenwust schaffen. Um auf den 560 randvoll gefüllten Seiten mehr zu Werke zu bringen als "nur" eine Unsumme von Ereignissen - ausschnitthaft verkürzt und mit langen Klammern voller Mini-Lebensläufe gespickt -, hat E. Annie Proulx einen Großteil ihrer Recherchen den historischen und regionalen Ausprägungen der Musik gewidmet, die mit dem Instrument verbunden ist. Doch trotz eines beeindruckenden Querschnitts von Cajun und Zydeco bis zur polnischen Polka ist das Musikmotiv zu schwach, um die Kettfäden des Gewebes zu bilden.

Kein Epos also. Kein "Es war einmal in Amerika". Aber vielleicht die angemessenste Art, Amerikas "Geschichte" zu erzählen, deren Anfang nicht in Amerika liegt und deren Ende darin besteht, daß ein kleines Kind mit nassen Hosen Sand in die Augen bekommt, aufgewirbelt von einem achtzehnrädrigen Lastzug, der ein altes Akkordeon auf dem Highway plattfährt.