Etwa Mitte der achtziger Jahre nahmen wir alle auf solchen Stühlen Platz.Sie schwankten ein wenig, wenn man sich fallen ließ, man rutschte eifrig nach vorn, um das Gewicht auszubalancieren, und geriet nur noch mehr in Verlegenheit, bis es uns schließlich klar wurde: Auf diesen Stühlen sollte man nicht sitzen, man sollte sie höchstens leicht berühren und streifen. Und genau danach sehnten wir uns damals: nach instabilen Orten, die sich mit einem Handgriff verändern ließen, nach Leichtigkeit und Transparenz, nach Materialien, die so etwas ankündigten wie pure Ästhetik. "Freischwinger" wurde dieser Stahlrohrstuhl genannt, schon seine Kombination aus gestrafftem Rindleder und verchromten Rohren machte uns geradezu süchtig.Plötzlich war die bessere deutsche Ästhetik auch in unsere Büros und Wohnräume eingezogen, wir dachten an die Wiedergeburt des Sachlichen und sprachen, natürlich, von der "Renaissance des Bauhauses". Manchmal freilich blieb unser unsicherer Blick noch an der Konstruktion dieses Sitzereignisses hängen: Wie funktionierte das, so ganz ohne Hinterbeine?Formalästhetisch kamen wir mit dem Freischwinger gut zurecht, aber unser Traumbewußtsein sah ihn in wilden Tagträumen einfach davonschlittern oder kippen, auch der Rindlederspannung trauten wir dann nicht so ganz und vermuteten, sie könnte reißen oder ausleiern. Doch der Freischwinger zeigte keine Spuren.In immer der gleichen Zeitlosigkeit stand er vor uns, freundlich, genau das Gegenteil von verspielt, als wäre er jederzeit bereit, unseren Schritten zu folgen, um sich uns irgendwo unterzuschieben.Er war, ja, eine Art Geist, ein Ding, das sich unsichtbar machen konnte, um dann, wenn wir ans Platznehmen dachten, kurz aufzublinken.Und genau so, geisterhaft, unauffällig, geschmeidig, wünschten wir uns die Dingwelt.Mitte der achtziger Jahre.