Neulich sah ich Marcel Reich-Ranicki im Schaufenster einer Buchhandlung.

Er war etwa fünfzehn Zentimeter groß und wuchs aus einem Bücherstapel heraus. Sein Körper war aus Plastik, seine Nase monströs, und seine Lippen grinsten von einem Ohr zum anderen. Wenn man ihn drückte, quiekte er.

Kurz darauf traf ich Reich-Ranicki am Büchertisch eines Kaufhauses.

Er war beinahe lebensgroß und steckte in einem dunklen Anzug mit Weste und Krawatte. Sein Kopf war, ebenso wie seine Brille, aus Zeitungspapier, seine Gesichtszüge wirkten grotesk übertrieben, und sein stechender Blick fraß sich in einen Stapel Trivialliteratur, der vor ihm ausgebreitet lag. Die ganze Puppe war ein Popanz, vielleicht eine ungewollt antisemitische Karikatur, vielleicht auch bloß ein peinlicher Reklame-Gag.

Letzte Woche dann las ich Reich-Ranicki im Spiegel. Sein Thema: die "Misere" der Frankfurter Kulturpolitik. Seine These: Oper kaputt, Theater kaputt, Schweinereien überall - "Die Szene wird zur Kloake". Sein Ton: das selbstgerechte, wahllos wütende Haßgebrüll des entfesselten Kulturspießers. Seine Opfer: Dirigenten, Kritiker, Regisseure. Die einen, weil sie "Gegner des Kulinarischen" sind, also "unzuständig" und deshalb "unser Unglück". Die anderen, weil sie, "unbelehrbar und trotzig", die Frankfurter Oper nicht niedergeschrieben, sondern sie sogar zur Oper des Jahres gewählt haben. Die letzten, weil sie Theaterstücke "entstellt" und "der Lächerlichkeit preisgegeben", weil "sie urinierende Frauen", ja "urinierende Nonnen" gezeigt und das Schlußbild des "Figaro" nicht "in einem Park", wie es sich gehört, sondern "in einem Kohlenkeller" inszeniert haben.

Dazu das unvermeidliche Goethe-Zitat ("In der Beschränkung zeigt sich erst . . ."), aber auch Bekanntes von Böll ("Frankfurt ist überhaupt keine Stadt mehr, es ist ein Hotel"), Adorno ("amusische Stadt") und Friedrich Dürrenmatt: "Wer eine Ware verkaufen will, muß den Markt studieren." Reich-Ranicki hat den Markt studiert.

Er bietet eine Ware feil, die derzeit überall gefragt ist: die nackte, unverhohlene Borniertheit. Als Fleischerhund hat man ihn portraitiert das war bös. Als "Bürger Frankfurts" bleckt er nun die Zähne: Das ist gerissen. Sein Text grinst von einem Ohr zum anderen, während er die Opern- und Theatermacher dem gesunden Volksempfinden zum Fraß vorwirft.