Irgendwann in den Kindertagen stand er auf unserem Familientisch, eine einzige Versuchung, von deren Gefahren wir nichts ahnten. Wir schraubten den Deckel ab und ließen den Finger hineingleiten, das sah kostbar aus, und feine Öle entließen plötzlich ihren Duft, so drängend und zahlreich, daß wir den Kopf ein wenig zur Seite wandten. Was war das?Eine Creme, zerstoßene Körner?Jedenfalls etwas, das uns in die Nase stieg.Und so ließen wir uns gehen und gaben unserer Zunge den Finger, ganz vorsichtig . . ., um die Zunge dann hochzurollen und gegen den Gaumen zu drücken. Es war gemein, scharf, es hatte uns in jeder Erwartung getäuscht. Tränen rannen uns die Backen herunter, und wir schworen uns, nie wieder aus dem verbotenen Glastönnchen zu kosten. Doch dann stand es wieder da, auf dem Familientisch.Es lockte, und unser erstes, schlimmes Erlebnis hatte längst etwas von einem abenteuerlichen Moment, an den wir uns manchmal mit Grausen erinnerten. Noch einmal ließen wir uns freilich nicht hereinlegen.Wir nahmen eine Messerspitze oder einen halben Löffel davon und versenkten und rührten diese kleinen Mengen in die tiefen, unergründlichen Meere des Kartoffelbreis.Irgendwo, in den dunkelsten Lagen, leuchtete es ein wenig goldgelb und senffarben.Und so kosteten wir unsere kleinen Meere, gierig jetzt, auf den Grund dieser Lagen zu stoßen. Und mit einem Mal, wieder ganz unerwartet, war es soweit: Die Schätze waren gehoben, und auf unserer Zunge flackerte das lodernde Feuer siegreich über den trüben Wasserresten aus Kraut und Kartoffeln. (Senf und Schwinger, zwei Insignien deutscher Wirklichkeit, die als "prominenter Teil für das Ganze stehen", finden sich neben Lodenmantel, Teebeutel, Hustenbonbon etc. in dem Band "Deutsche Standards".Hrsg. von Jörg Krichbaum Arcum Verlag, Köln 352 S., Abb., 56,- DM)