TÜBINGEN. - Wenn Gabriele Oswald mit Freunden zusammensitzt und von ihrer Firma erzählt, dann blickt sie irgendwann in sehr große Augen. Und wenn die immer größer werden und die Freunde schließlich nur noch die Köpfe schütteln, dann merkt sie es mal wieder: "Das glaubt ja keiner."

Unglauben wecken in der deutschen Arbeitswelt schon sehr einfache Dinge: Zum Beispiel, daß Frau Oswald in Ruhe mit ihrem Sohn frühstückt, wenn die Schule für ihn später beginnt, und sie erst zur Arbeit geht, wenn der Junge aus dem Haus ist. Daß sie, wenn der Achtjährige krank ist, einfach zu Hause bleibt und die Arbeitszeit später nachholt. Daß Frau Oswald in den elf Jahren, die sie bei der Tübinger Gerhard Rösch GmbH angestellt ist, schon in vier verschiedenen Arbeitszeitmodellen gearbeitet hat - jeweils auf eigenen Wunsch.

Zur Zeit folgt ihre 28-Stunden-Woche zwar einem "gewissen Rhythmus" von vier Vormittagen und einem langen Dienstag von morgens halb neun bis abends um sechs. Aber wenn sie tagsüber Zeit für die Familie braucht, arbeitet sie eben auch mal abends.

Bei der Textilfirma Rösch, wo die 39jährige als Finanzbuchhalterin angestellt ist, sind maßgeschneiderte Arbeitszeiten normal: Für die 320 Beschäftigten gibt es 99 verschiedene Arbeitszeitmodelle, davon 42 in Teilzeit. Die flexible Gleitzeit gilt ohnehin für alle. Und weil zudem die Angestellten nach Feierabend im Betriebshallenbad ihre Runden drehen oder auf dem Tennisplatz um Spiel, Satz und Sieg kämpfen können, weil sie ihre Kinder morgens in den kostenlosen Rösch-Kindergarten bringen und weil all das höchst selten ist am Standort Deutschland, gab es im vergangenen Dezember Lohn und Lob dafür: Zum familienfreundlichsten Betrieb im deutschen Mittelstand kürte Familienministerin Claudia Nolte die Firma. Nun ist es amtlich, nun wissen es alle.

Das Staunen bleibt, zumal Textilbetriebe in Deutschland nichts zu lachen haben: Viele mußten schon vor der Konkurrenz der Weltmärkte kapitulieren. Daß Rösch sich halten, den Umsatz gar leicht auf derzeit 109 Millionen Mark steigern konnte, liegt zum einen an der geschickt gemischten Produktpalette: Rösch fertigt nicht nur Wäsche und Mode unter eigenem Namen und für renommierte Lizenzgeber wie Daniel Hechter und Louis Féraud, sondern besetzt mit der Stoffproduktion Rökona auch Spezialnischen, etwa für die Innenverkleidung von Autos oder für OP-Stoffe im Krankenhaus.

Zum anderen vertraut der Firmenchef Arnd-Diether Rösch einer sehr einfachen Maxime, die sich zu bewähren scheint: Zufriedene Mitarbeiter schaffen zufriedene Kunden. Für den 52jährigen, bei aller Eleganz - die horngelbe Designerbrille harmoniert farblich perfekt mit Jackett und Krawatte - eine freundlich-besonnene Erscheinung, rechnet sich die Sache einfach. Die vielen Gespräche etwa, um die 99 verschiedenen Arbeitszeiten mit den betrieblichen Notwendigkeiten unter einen Hut zu bringen: "Würden wir das nicht machen, dann hätten wir 99 Probleme. So haben wir 99 Leute, die begeistert sind und sich engagieren." Damit das Engagement nicht verpufft, finden sich jeden Monat Arbeitsgruppen zusammen, in denen alle, vom Abteilungsleiter bis zur Putzfrau, ihre Kritik und Verbesserungsvorschläge loswerden können.

Die Fakten sprechen für das Rezept: Der Krankenstand ist mit durchschnittlich drei Prozent nur halb so hoch wie in der Branche üblich, und die Arbeitsproduktivität steigt. "Zwei Teilzeitkräfte leisten mehr als eine, die Vollzeit arbeitet", sagt Thomas Saile.