Künstlermonographien werden ebensooft geschrieben, wie das Ende der Gattung angesagt wird. Zu verführerisch ist es, immer neu dem problematischen und wohl niemals ganz auflösbaren Verhältnis des Künstlerlebens zu den Werken nachzugehen, als daß den Zweifeln an der Vergleichbarkeit von Leben und Werk nachgegeben würde.

Dies gilt auch für Dürer, über dem sich immer neue Bücherberge auftürmen. Ernst Rebel, Professor für Kunstgeschichte in München, zählt zu Beginn seiner über fünfhundert Seiten starken Biographie "Albrecht Dürer - Maler und Humanist" fast resignierend die Reihe seiner Vorläufer auf - um sein Unternehmen dann mit ebendiesem ständig wachsenden Forschungsmaterial zu begründen, das nach Synthese und Verbreitung verlange.

Dem Buch gelingt in der Tat ein Gleichklang von flüssiger Erzählung und quellenkritischer Genauigkeit, und die Absichtserklärung, keine Werkmonographie, sondern eine Lebensbeschreibung zu bieten, ist insofern Understatement, als hier die Balance zwischen Lebenslauf und Werkgeschichte durchaus gelingt allein schon die Kapitel über Dürers christusgleiche Inszenierung im Selbstbildnis von 1500 oder die Selbstdarstellung im Medium der "Vier Apostel" von 1526 wirken nach Umfang und Gehalt wie eigene Publikationen. Die Biographie geht chronologisch vor, und sie hat ihre stärkste Seite in den knappen Erläuterungen der Quellen als den Textbausteinen dieses Lebens und den vom Druck der Diskussion mit Fachkollegen freien, aber nicht unkritischen Skizzen zum Werk.

Das Buch hat allerdings Schwächen. Immer wieder vergreift sich der Autor in den Metaphern und Formulierungen: so etwa, wenn er schon im ersten Satz vom "Trommelwirbel" spricht, von dem jede Biographie Dürers begleitet wurde und wird, den Künstler im Stil der Dürer-Feiern des 19. Jahrhunderts als den "am meisten gefeierten Künstler der europäischen Kunstgeschichte" auftreten läßt und Superlative wie "erstmals" und "einzigartig" freimütig verstreut.

Bisweilen, so vor allem in bezug auf die Religiosität, verfällt der Text in Betulichkeit, was um so affektierter wirkt, als die "menschlichen" Züge Dürers - seine Affären, seine Eitelkeit, seine in Geldfragen zu beobachtende Krämerseele - angemessen dargestellt und immer wieder auch seine Selbstzweifel betont werden. Dürers Zeugnis tiefster Verunsicherung, das Wiener Aquarell vom Morgen des 8. Juni 1525, auf dem er den nächtlichen Alptraum einer Kaskade vom Himmel stürzender Wassersäulen festgehalten hat, widmet Rebel allerdings nur wenige Worte. Schade. Denn so, wie dieses Traumgesicht offenbart, daß die verbreitete Angst vor einer apokalyptischen Sintflut bis in das Unterbewußtsein zog, stellt es die Frage nach jener Grenze des Subjektiven, die Stephen Greenblatts Analyse von Dürers Projekt einer Säule des Sieges über die aufrührerischen Bauern thematisiert hat. Unbelastet von solchen Erörterungen ist Rebels Buch wie aus einem Winkel geschrieben, an dem die Stürme der Postmoderne in weiter Ferne vorbeigezogen sind. Aus dem Urvertrauen auf die Einzigartigkeit Dürers bezieht diese Biographie ihre Stärke.

Sie entwickelt nicht etwa, wie es die gönnerhafte Formel des Klappentextes will, ein "farbiges Bild spätmittelalterlichen Lebens", sondern eine unmittelbare Vergegenwärtigung, der die Distanzierung abgeht.

Einmal begonnen, liest man sich in einem Zug durch den immensen Stoff.