Bonn

Eine Standpauke, wenn auch altersmilde: Erhard Eppler gibt den Sozialdemokraten Rat. Das ist auch sein Recht bei diesem Empfang zum 70. Geburtstag, zu dem die SPD geladen hat. Man hört ihm zu und denkt: Wie richtig! Aber hat man nicht doch auch die Welt von gestern vor Augen?

Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping, Manfred Stolpe, Reinhard Höppner, also die Generation nach Eppler, die heute dran ist, hört zu.

Manche fremdeln. Was Eppler rät, machen wir doch sowieso, sagen sie. Und andere: Wir wissen es besser. Der Mann am Mikrophon erinnert, willentlich oder nicht, an die Zeit, in der die SPD eine moderne Partei war. Sie war die Partei der Veränderungen. Die Reformpartei, hieß das. Und er war derjenige, der - schon aus ökologischen Gründen - eine prinzipielle Abkehr vom Glauben ans unendliche Wachstum empfahl. Auch jetzt warnt er, darauf zu bauen, irgendwann werde ein neues Wirtschaftswunder die Arbeitslosen fortfegen.

Die Partei der Neugier und des Neuen ist die SPD von heute nicht.

Trotz der 15-Jahres-Erschöpfung ist es die Koalition, die doch immerhin größere Kurskorrekturen anregt. Und es bleibt die Opposition, die hinterherhinkt. Es geht nicht anders in der Opposition, klagen die, die es schon lange so machen. Oder: Alleine fehlt uns die Kraft. In einer großen Koalition würden wir jedes Jahrhundertwerk schaffen. Eppler denkt laut. Daß "automatisch" die Sozialdemokraten bald drankommen, "das glaube ich nicht". Warten Sie's bloß ab, sagen hingegen einige der Zuhörer, der Kladderadatsch kommt, die Regierung steckt doch tief in der Klemme. Auch das haben sie schon oft gesagt. Im Ohr hat man ein Rundfunkinterview mit Rudolf Dreßler, dem Sozialexperten der Fraktion. Selbstsicher kommentiert er die Vorschläge der Rentenreformkommission, das Rentenniveau langsam auf bis zu 64 Prozent sinken zu lassen. Völlig falsch, entrüstet sich Dreßler. Es handele sich schließlich nur um "kurzfristige Liquiditätsschwierigkeiten". Die Kassen dürften nicht länger mit versicherungsfremden Leistungen belastet werden, das wär's. Glaubt er wirklich, das reiche? Aus welchen Kassen soll das Geld kommen?

Dreßler antwortet nicht. So dreht man halt das Radio leiser.