Die Order war vage und stammte von ganz oben. Doch wen sie traf, darüber entschieden Landräte, Wissenschaftler, lokale Parteifunktionäre, städtische Beamte und Kriminalpolizisten: Heinrich Himmlers Befehl vom 16. Dezember 1942, "Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft . . . auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen", wurde zum Signal für eine nicht zuletzt "von unten" betriebene Verschärfung der nationalsozialistischen Zigeunerpolitik. Ihr Ergebnis war die Deportation von etwa 22 600 Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau.

Die Leidensgeschichte der dort in zwei Dutzend Baracken, dem sogenannten "Familienlager", zusammengepferchten Menschen ist vergleichsweise genau dokumentiert. Wir wissen: Jene 2897 Männer, Frauen und Kinder, die nach fast eineinhalb Jahren Hunger, Krankheit, medizinischer Experimente und vorangegangener Mordaktionen noch "lebten", wurden am 2. August 1944 im Gas erstickt sogar ihre Namen sind bekannt, weil mutige Häftlingsschreiber die Hauptbücher des Zigeunerlagers kurz vor dessen ruchbar gewordener "Auflösung" versteckten, um der Nachwelt von dem Verbrechen Zeugnis zu geben. (Das "Gedenkbuch der Sinti und Roma in Auschwitz" wurde 1993 im K.G. Saur Verlag veröffentlicht.)

Weniger Klarheit hingegen herrscht über den Weg, den die Nationalsozialisten bis zu dieser "Lösung der Zigeunerfrage" beschritten hatten.

Er war, das zeigt jetzt die ebenso minutiöse wie umfassende Studie des Essener Historikers Michael Zimmermann, windungsreicher, als vielfach angenommen - und über lange Strecken ohne eindeutige Richtung.

Hitler hat sich für das "Zigeunerproblem" nie wirklich interessiert, und das war zweifellos der Hauptgrund dafür, daß es anfangs nicht in erster Linie der zur Heilslehre erhobene Rassismus war, der die Politik des Regimes gegenüber der kleinen und von jeher an den gesellschaftlichen Rand gedrängten Minderheit bestimmte. In den ersten Jahren des "Dritten Reiches" wirkte vielmehr noch jenes Spannungsverhältnis nach, welches die Zigeunerpolitik besonders in Deutschland seit dem späten 18. Jahrhundert charakterisierte: Die auf Ansiedlung und Assimilation gerichtete Vorstellung, man könne, wie der Aufklärer Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann es formulierte, die Zigeuner "zu brauchbaren Bürgern umschaffen", erwies sich als unvereinbar mit einer allenthalben zu beobachtenden Praxis der Vertreibung aus dem jeweils eigenen Territorium. Hinzu kamen begriffliche Unklarheiten: Einerseits galt die Gesamtheit der fahrenden Bevölkerung als "Zigeuner", andererseits erblickte man in ihnen ein eigenständiges "Volk" oder eine "Rasse" und nahm sie wahlweise als "edle Wilde" oder als "Barbaren" wahr.

Während der Weimarer Republik verschwand diese Ambivalenz freilich mehr und mehr hinter dem zeittypischen bürokratischen Interventionismus.

Der bereits um die Jahrhundertwende in Bayern aufgezogene "Zigeunernachrichtendienst" entwickelte sich nun faktisch zu einer Art "Reichszentrale für Zigeunerbekämpfung" mit Zugriff auf die Daten von mehr als 30 000 Menschen. Gleichwohl scheiterte die zunehmende polizeiliche "Zigeunerbekämpfung" immer wieder daran, daß es letztlich nur um die Vertreibung der Unerwünschten aus dem eigenen Zuständigkeitsbereich ging.