Das Märchen von Europas treuem Musterschüler mögen deutsche Politiker zu Hause gern und viel erzählen. In Brüssel hört schon längst niemand mehr hin. "Es war einmal", winkt ein EU-Beamter ab, "das ist nur noch eine Fabel." Auf dem Schreibtisch des Juristen stapeln sich Akten, die dem Mann täglich Überstunden abverlangen. Es sind allesamt Mahnschreiben und Klageschriften gegen Bonn, die gebündelt nur ein Urteil über das neue Deutschland zulassen: "Bonn zählt zu Europas führenden Rechtsbrechern."

Das spricht sich herum, immer schneller. Dafür sorgt auch der Beschluß der Brüsseler Kommission von dieser Woche, erstmals in der Geschichte der Union zwei Mitgliedstaaten unter Androhung millionenschwerer Geldstrafen vor den Europäischen Gerichtshof (EuGH) zu zerren - wegen chronischer Verletzung von EU-Recht und notorischer Mißachtung von Urteilen der Luxemburger Richter. Zweimal trifft es Italien, gleich dreimal gar soll Deutschland büßen.

Denn die Deutschen bringen es seit Jahren nicht fertig, europäische Richtlinien zum Schutze von Grundwasser, Trinkwasser und wilden Vögeln in nationales Recht umzusetzen.

Insgesamt fast eine Million Mark Zwangsgeld pro Tag drohen der Bundesrepublik, falls Bonn nicht schleunigst nachbessert. Achtzehn Monate Schonfrist bleiben noch, so lange werden Europas Richter wohl brauchen für neue Urteile über die alten Rechtsbrüche. Erst nach einem zweiten Verfahren, so verlangt es der Maastricht-Vertrag, ist Zahltag frühestens dann ereilt den deutschen Staat, wovor jeder Kleinkriminelle schon in erster Instanz bangen muß: Justitias gerechte Strafe.

Es ist kein Zufall, daß Brüssel sein Exempel jetzt an Bonn statuiert.

Auf langen Listen lassen sich die Beispiele deutscher Europaignoranz nachlesen. Von "A" wie Atommüll oder Arbeitsschutz auf Fischerbooten bis "Z" wie die Zulassung von Zahnärzten oder Züchtung von Zierpflanzen schafft es die Bundesrepublik nicht, überfällige EU-Richtlinien in deutsche Gesetze und Rechtsverordnungen zu gießen. Vom jüngsten Streit um importierte Babynahrung bis zum "Schutz von Tieren zum Zeitpunkt der Schlachtung" reichen die Verfahren wegen Verletzung des EU-Vertrages, mit denen Brüssel die Bonner Regierung zwingen will, "endlich ihre Hausaufgaben zu machen".

Mitte Januar zählten die Computer der EU-Behörde 212 Beschwerden und Ermittlungen gegen Deutschland 97 Verfahren gelten unter Experten als "weit fortgeschritten". Allein im vergangenen Jahr reichte die Kommission beim Europäischen Gerichtshof neun neue Klagen gegen Bonn ein, insgesamt harren zwölf Fälle eines Urteils.