KARLSRUHE. - Wer sich heute - ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende!

- anschickt, darüber zu informieren, wie es zu den Massenmorden während des Zweiten Weltkrieges gekommen ist und welche Rolle die deutsche Wehrmacht dabei gespielt hat, stößt noch immer auf eine empfindliche Stelle im Gemüt einiger Deutscher. Jeder und jede, die sich dieses dunklen Kapitels annimmt, sieht sich unversehens in die Rolle eines Tabuverletzers versetzt. Ich hatte mit Reaktionen auf meine Eröffnungsrede gerechnet. Weiß doch jede Zeitungsleserin, daß bisher jede dieser Ausstellungen von Protesten und Versuchen der Einschüchterung begleitet worden ist. Eine unserer Richterinnen hatte bei der Ausstellung in Stuttgart im Jahr 1995 Begleitschutz erhalten, weil ihr gedroht worden war, man werde ihren dort zu haltenden Vortrag verhindern. Ich bin bereits in den Vortagen in mehreren Briefen äußerst empört und sehr nachdrücklich aufgefordert worden, der heutigen Veranstaltung fernzubleiben. Denn dort würden Lügen oder Pauschalurteile über die deutsche Wehrmacht verbreitet und das Andenken deutscher Soldaten verunglimpft.

Offenbar haben selbst der Abstand mehrerer Jahrzehnte und die Zunahme unseres Wissens über die nationalsozialistische Schreckensherrschaft nicht zum Abschied von einer Illusion geführt. Gemeint ist der Irrglaube, man könne im Dienste eines menschenverachtenden totalitären Regimes einen fairen, das heißt die Haager Landkriegsordnung respektierenden Krieg führen. Wie langsam auf diesem Felde die Einsichten in die Verstrickung der Wehrmacht reifen, beweist auch die Tatsache, daß es lange gedauert hat, bis der Staatsstreich vom 20. Juli 1944 nicht mehr als Verrat, sondern als Widerstand begriffen worden ist.

Wer Zeugnis ablegt, ob und wie auch Angehörige der Wehrmacht dabei mitgewirkt haben, Soldaten, Zivilisten, darunter vor allem Juden, in den besetzten Gebieten zu vernichten, verunglimpft weder pauschal die Soldaten des Zweiten Weltkriegs, noch begründet er eine Kollektivschuld des Militärs. Das Nicht-wissen-Wollen, ob und in welchem Ausmaß sich die deutsche Wehrmacht an dem Vernichtungskrieg beteiligt hat, dient weder dem Andenken der Soldaten noch dem Ansehen ihres Berufsstandes. Im Gegenteil: Frage- und Kritikverbote nähren nur den Zweifel. Das Suchen und Offenlegen der historischen Wahrheit dient der Zukunft unseres politischen Gemeinwesens und dem friedlichen Zusammenleben mit unseren Nachbarn. Denn wer verhindern will, daß sich das Unheil wiederholt, muß sich erinnern und das schreckliche Geschehen durcharbeiten.

Ich selbst gehöre einer Berufsgruppe an, die sich in der Vergangenheit ähnlich schwer getan hat mit der dunkelsten Phase ihrer Rechtsgeschichte.

Das weitgehende Scheitern der Versuche, das Justizunrecht zu ahnden, stellt eines der beschämendsten Kapitel der deutschen Nachkriegs- und Justizgeschichte dar. Das wissen und bedauern wir alle. Uns verbleibt insofern nur die Aufgabe einer historisch-wissenschaftlichen Aufarbeitung. Und das geschieht vornan in der Absicht, aus der wissenschaftlichen Analyse und Dokumentation Lehren für die gegenwärtige und künftige Arbeit der Juristinnen und Juristen zu ziehen. Denn wir wissen, daß die Verführbarkeit von Juristen, das Recht im Dienste einer Weltanschauung umzuwerten, nicht nur ein historisches, sondern ein dauerndes Problem der praktischen Jurisprudenz darstellt.

Unsere Berufsstände teilen nicht nur die Erfahrung des jahrzehntelangen Verdrängens, sondern auch alte obrigkeitsstaatliche Traditionen, die gewiß eine der Ursachen des Versagens in den Jahren 1933 bis 1945 waren. Wir alle kennen das inflationär gebrauchte Argument, daß man ja nur pflichtgemäß staatlichen Befehlen gehorcht habe.