Ludwig Erhard hat seinen Beitrag für die Neubestimmung der Rolle des Staates in der Marktwirtschaft geleistet. Diese Rolle sah er, entsprechend der Tradition des Ordoliberalismus, in der Verteidigung und Durchsetzung von Interessen der Gesamtheit gegen starke und organisierte Partikularinteressen. Er wußte, daß Demokratie und Marktsystem einen allzu fruchtbaren Boden für die Organisierung solcher Gruppen schaffen, die dann Druck auf den Staat ausüben, um sich zum Nachteil aller Bürger durchzusetzen. Die Politik sollte diesen Gruppeninteressen widerstehen, ihnen nicht erlauben, das Sozialprodukt zu ihren Gunsten umzuverteilen oder die Konkurrenz zu unterdrücken und den Staat in "neue Feudalitäten" zu zerlegen - eine sehr fruchtbare Wortschöpfung Erhards. Nichts war ihm so fremd wie ein korporativer Staat, mit dem eben Deutschland so ungute Erfahrungen gemacht hatte.

Nach Kriegsende mußte Erhard eine Vision entwickeln, um der Wirtschaftspolitik eine Richtung und der deutschen Bevölkerung eine Motivation zu geben. Für diese Vision wählte er den Begriff "Soziale Marktwirtschaft" - einen Begriff, der sich seither in Deutschland und in Teilen Europas durchgesetzt hat. Die Verbindung liberaler Marktprinzipien - individuelle Leistungsanreize und Selbstverantwortung - mit staatlich garantierter Solidarität hat Nachkriegsdeutschland eine beneidenswerte Prosperität bei sozialer und politischer Stabilität gebracht.

Es war nicht Erhards Schuld, daß seine Vision allmählich gegen das ausgetauscht wurde, was wir heute "Wohlfahrtsstaat" nennen.

Die soziale Marktwirtschaft war nicht so gemeint, daß das Adjektiv "sozial" den Begriff "Markt" schwächt, daß die Sozialpolitik Leistungsanreize mindert und daß die Selbstverantwortung des einzelnen durch die Fürsorge des Staates ersetzt wird. All das ist aber passiert.

Doch das erwartete "Paradies auf der Erde" hat sich nicht eingestellt, statt dessen hohe Arbeitslosigkeit, Motivationsverlust, abnehmende Konkurrenzfähigkeit, hohe Steuern und anderes. Der Abschied vom Wohlfahrtsstaat hat sich als unheimlich schwierig erwiesen. Die Vision und der Begriff der sozialen Marktwirtschaft selbst ist karikiert und zu etwas ganz anderem geworden, als Erhard sich vorgestellt hatte. Er ahnte schon, daß "dieser Aufkleber auf Flaschen geklebt wird, die einen komplett anderen Inhalt haben".

Erhards Gedanken sind auch für die ehemaligen sozialistischen Länder Mittel- und Osteuropas aktuell. Deren Bevölkerung hat Jahrzehnte in einem System gelebt, das sie mit sozialen Sicherheiten und Staatspaternalismus überschüttet hat. Die Menschen gewöhnen sich nur schwer an ein System, das ihnen primär Selbstverantwortung und Eigeninitiative abverlangt viele sehnen sich nach den alten Sicherheiten. Diese Saite schlagen heute die linksorientierten (sozialdemokratischen und die postkommunistischen) Politiker an, die versprechen, die sozialen Sicherheiten wiederherzustellen, und nicht zögern, Erhards Begriff der sozialen Marktwirtschaft zu mißbrauchen. Wir, die wir Sinn und Vermächtnis von Erhards Konzeption verstanden haben, verwenden diesen Begriff daher nicht.

Es gibt noch einen - spezifisch tschechischen - Grund, warum wir schon am Anfang unserer ökonomischen Transformation begonnen haben, statt soziale Marktwirtschaft den Begriff "Marktwirtschaft ohne Adjektive" zu prägen. Zur Zeit des Prager Frühlings 1968 ist bei uns die Vision eines "Marktsozialismus" oder des sogenannten dritten Weges (zwischen Kapitalismus und Sozialismus) populär geworden.