Es hätte so schön sein sollen, so originell, so überraschend. Ausgerechnet die als konservativ, ja mitunter als verstockt gescholtene Académie française verlieh im Herbst Calixthe Beyala, einer Frau und erst noch einer Afrikanerin, ihren prestigeträchtigen und wohldotierten Großen Romanpreis.Die von Amtes wegen "Unsterblichen" wollten offenbar wieder einmal zeigen, daß französische Literatur Weltliteratur ist und mithin selbst im Elendsviertel Couscousville der kamerunischen Hauptstadt gründen kann. Die Kritik ließ sich mehrheitlich von diesem Ansinnen vereinnahmen und lieferte pflichtschuldigst Elogen auf das Werk "Les honneurs perdus" ("Die verlorenen Ehren").Sogleich schoß es in die Bestsellerlisten empor.Die Besprechungen waren um so üppiger aufgemacht, als sich das strahlende Antlitz der schönen Autorin hervorragend eignete, Farbe in die Feuilletons zu bringen."Eine blutvolle Entdeckung", jubelte der Figaro, "jede Seite schäumt über von Farben, Gerüchen und Edelmut."Im Parisien wiederu m stand: "Welch Talent!Ihre schreibende Kraft fesselt, ihre unvergleichliche Energie fegt alle Klischees beiseite."Kurz, die Geschichte der jungen Saida aus Couscousville, die sich trotz der Misere tugendhaft weigert, im Bordell der Madame Kimoto zu arbeiten, und statt dessen mit einem vom Dorfapotheker ausgestellten Jungfräulichkeitszertifikat nach Frankreich, also ins Land aller Träume, auswandert, geriet so unweigerlich zum Roman des Herbstes 96. Das flott zu lesende Werk leidet freilich an einem schweren Mangel: Es entstand nur zum Teil in der Phantasie von Calixthe Beyala. Wie Pierre Assouline, Chefredakteur des Literaturmagazins Lire, in der jüngsten Ausgabe anhand schlüssiger Textbeispiele nachweist, ließ sich die Schriftstellerin vor allem von ihrem nigerianischen Kollegen Ben Okri inspirieren. Nicht zum erstenmal ging sie auf Raubzug.Auf die Schliche kam ihr bereits vor zwei Jahren das Satireblatt Le Canard enchainé. Im vorigen Lenz wurde sie von einem Pariser Gericht wegen "teilweiser Fälschung" verurteilt, weil ihr früherer Roman "Le Petit Prince de Belleville" in rund vierzig Passagen Ähnlichkeiten mit andern Büchern aufweist.Wenn der Satz aus Roland de Chaudenays "Handbuch des Plagiators" stimmt: "Man schreibt nur, was man gelesen hat", so hat Madame Beyala viel gelesen - von Romain Gary über Howard Buten, Alice Walker und Charles Williams bis zu Paule Constant. Letztere äußert sich verblüfft, daß "eine Afrikanerin bei einer Europäerin abkupfert, um über ihre eigene Heimat zu schreiben". Dabei ist einzuräumen, daß die Abschreiberin ihre literarische Kleptomanie von Buch zu Buch verfeinert hat. Der heftigen Plagiatsdebatte in den Pariser Salons setzte Calixthe Beyala nun am Wochenende mit einem wortgewaltigen Beitrag im Figaro die Spitze auf."Zuviel ist zu viel!", holt sie aus zum Gegenschlag. Haß, Eifersucht und Faszination trieben ihre Kritiker.Sie sei Opfer eines sexistischen und rassistischen Komplotts linker Journalisten. Provozierend fragt "die arme Negerin von nirgendwo": "Kann man in einem Bidonville geboren sein und in Paris voll und ganz als Schriftstellerin anerkannt werden?" Zur Substanz der Vorwürfe meint sie indes lau, sie stamme aus einer Zivilisation des Gesprächs, in der Literatur nur lebe, wenn sie sich ständig übertrage: "Ein Text ist wie ein Strom.Er wird immer reicher, indem er anderen Texten begegnet."Sätze grüben sich in die Erinnerung ein "und können spontan in die eigene Feder fließen".Im übrigen, so schließt sie, habe sie den Romanpreis der Académie nicht für sich, sondern für Afrika gewonnen. Was eine Verteidigungsschrift sein soll, gerät so zum verquasten Eingeständnis.Peinlich für ihren Verlag, erst recht jedoch für die altehrwürdige Académie française, welche die Wiederholungstäterin auf den Schild hob.Was die heikle Frage aufwirft, ob sich die greisen Sprachweisen so sehr von der Frau beeindrucken ließen, daß sie darob ihr Werk übersahen.Anders ausgedrückt: Unterlaufen selbst Unsterblichen menschliche Fehler?