Will es denn eine Klasse von Leuten nie lernen, daß es schlechterdings nicht wahr ist, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst verblendet habe?

Gotthold Ephraim Lessing Mit dem Untergang der DDR ist eine Gesellschaft verschwunden, die von der SED beherrscht und von deren Ideologie geprägt war.

Wer zu den ehemaligen Machthabern oder Ideologen zählt, ist heute leicht dem Verdacht des Verrats oder des Versagens ausgesetzt, des Verrats an den Menschenrechten und des Versagens an kritischem Denken. Im Nachweis von Verrat und Versagen bestätigt sich nicht zuletzt die moralische Politikauffassung, welche noch die Auflösung einer Gesellschaftsform aus dem Tun oder Mittun von Individuen erklären will.

Als Betroffene einer solchen Auffassung können die Philosophen der DDR gelten. Wer Schreibtischtäter sucht, wer auch im Bereich der Ideologie Schuldsprüche formulieren will, wird bei ihnen fündig.

Denn die Verklammerung ihrer Existenz mit der Propagierung des Marxismus-Leninismus war so eng wie bei keiner anderen Wissenschaftlergruppe.

Die Philosophiedozenten an den Universitäten und die Philosophiewissenschaftler an der Akademie der Wissenschaften in Berlin gelten als unheilbar infiziert mit der Seuche des parteiamtlichen Dogmatismus, dem sie in der Tat niemals offen widersprechen konnten. Die nach Verfallsgründen suchende Kritik sieht die Symptome für ihre Diagnose im Auftreten von Dissidenz, in der ausgeübten Zensur und in anderen disziplinierenden Maßnahmen wie Publikations- und Lehrverboten.

"Kaderphilosophen" hat der westdeutsche DDR-Forscher Norbert Kapferer diejenigen genannt, die solchen Maßnahmen nicht zum Opfer fielen und also auf die Seite der Täter zu gehören scheinen.