Dürfen Schulen lehren, wie sie wollen? Bloß nicht, wo führt das hin, wenn nicht in Anarchie und allerlei Unordnung. Ist es denkbar, daß jede Schule ihre Schüler ganz nach Geschmack, nach eigenem Lehrplan, eigener Methode und Weltanschauung unterrichtet? O weh, das wäre denn wirklich zuviel des Laisser-faire, laisser-aller.

Hierzulande geht all das bestimmt nicht. Unter dem Eindruck staatlicher Schulaufsicht wird jeder pädagogische Abweichler mit Mißtrauen betrachtet, ist jedes Experiment verdächtig, geraten selbst harmlose Ausreißer wie Waldorf oder Montessori gelegentlich unter Ideologieverdacht (mit dem Effekt, daß sie sich in letzter Zeit steigender Beliebtheit erfreuen).

Tief eingefressen ist bei uns die Furcht vor Bildungschaos und Pädagogenwillkür. Die Kontrolle über den Erziehungsprozeß könnte verlorengehen. Und fast gänzlich verkümmert ist die Vorstellung, daß Schulartenvielfalt nicht nur mehr Farbe in die Bildungslandschaft bringen würde, sondern vielleicht sogar die Konflikte einer sich immer mehr individualisierenden Gesellschaft entschärfen könnte.

Gemessen an solchem Kleinmut ist bei unseren Nachbarn, den Niederländern, soeben die totale Schulanarchie ausgerufen worden, noch dazu von der Staatssekretärin im Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschappen, Tineke Netelenbos, persönlich. Ganz gleich, welcher religiösen, weltanschaulichen oder pädagogischen Vorliebe der Gründer einer neuen Schule huldigt - er wird vom Staat nicht nur toleriert, sondern finanziell unterstützt. Welcher ideologischen Orientierung eine Schule folge, das sei allein Angelegenheit der Schulleitung und der Eltern, ließ das Ministerium verlauten.

Nun hat sich das holländische Bildungssystem seit jeher durch ein für deutsche Schuldogmatiker schier unbegreifliches Maß an Liberalität ausgezeichnet. Rund siebzig Prozent aller Schulen sind privat, die meisten davon konfessionell. Der Rest ist öffentlich und gehört zur jeweiligen Gemeinde. Beide Schultypen werden in gleicher Weise vom Staat finanziert - und beide sind von ihrer Organisation her unabhängig, "autonom".

Doch das ist den niederländischen Nachbarn noch nicht genug. Wohin etwa mit den Kindern von Eltern, die weder mit der Religion noch mit pädagogischen Sonderwegen, noch mit der Gemeindeschule etwas im Sinn haben, sondern die sich - in den Worten von Ministersprecher Nico van Dijk - "eine ganz normale, konservative Schule ohne Reform-Schnickschnack" wünschen? Bislang mußten Schulgründer selbst in Holland ein pädagogisches Konzept vorweisen. Demnächst geht's auch ohne Begründung.

So viel Freiheit können Schulen auch in den Niederlanden nur deshalb ertragen, weil zwei Voraussetzungen erfüllt sind: Zum einen darf zwar jede Schule bestimmen, wie sie unterrichtet, aber noch längst nicht, was gelernt werden muß. Der Fächerkanon ist vielmehr vom Ministerium vorgegeben. Und zum anderen sorgen ein ausgeklügeltes Evaluationssystem und ein landesweites Zentralabitur dafür, daß das Ganze nicht aus dem Ruder läuft.