Als wir zum allerersten Mal Deine Worte sprachen, warst Du sehr weit von uns entfernt.Dort, wo Himmel und Erde zusammenstoßen, dort standest Du am Ufer des riesigen Literaturmeeres, dem Du entstiegen warst, als Du unsere zaghaften Leuchtsignale wahrgenommen hattest, jenes Meeres, in welchem Du seit Jahrhunderten zusammen mit all den anderen Wörtergeheimnissen schwebtest - wie Francesca und Paolo in Dantes "Inferno" auftauchen und wieder verschwinden. Dort also standest Du und schautest mißtrauisch auf das, was wir trieben.Monatelang hast Du uns umkreist wie ein alter, hungriger, scheuer Wolf und hast mir den Schlaf geraubt mit Deinem nächtlichen, lycaonischen Geheul.Nur sehr langsam wurdest Du etwas zutraulicher, bliebst aber scheu, und bei der geringsten falschen Regung verschwandest Du wieder in den Klüften des unwegsamen Gebirges, das wir im Begriff waren zu besteigen.Ob wir je den Gipfel erreicht haben, weiß ich nicht.Ich konnte ihn nie richtig erkennen, er war immer sturmumtost wie jene fernen Sterne, zu denen jetzt die Sonden der klugen Menschen fliegen.Doch hoch hinauf sind wir schon gekommen.Eines Tages aber - ich weiß es noch genau, König: es war ein wilder Schreck - gabs t Du mir die Hand.Du hattest menschliche Gestalt angenommen, konntest aber das Wölfische nicht ganz verleugnen.Dein grauer Schopf war geblieben, und auch vor Deinem Biß mußte man sich hüten. Aber losgelassen hast Du mich nicht mehr.Von da an ging alles gemeinsam. Wenn jetzt "König Lear" auf dem Theaterzettel steht, suchen wir schon früh am Tage unsere Nähe.Dann ziehe ich das Textbuch aus dem Regal und fange an, das zu reden, was eigentlich Du redest. Und die Bilder dieses starren, eitlen, hilflosen, chaotischen, liebesbedürftigen Lebens werden an Dir vorbeiziehen: Deine tränenreichen, blutbesudelten, zerstörerischen, vaterlosen Töchter, die grausigen, wunden Augen Gloucesters, die nie erkannte Treue Kents, die erbärmliche Verlassenheit des um sein Leben strampelnden Narren und die eigene, an der Welt hängende und an ihr zugrunde gehende kurzsichtige Existenz, das Riesenhafte des Kosmos und die Wichtigkeit einer Maus.Und am Ende wird nich ts sein als ein zerborstenes Reich, die Leichen Deiner Töchter und ein alter Wolfsbalg, der einmal ein König war.Alles das wirst Du sehen, wenn ich jetzt Deinen Text lese. Und am Abend werden wir, gestärkt von der Kraft der Wörter und enger aneinandergerückt, ins Theater gehen.Unsere jungen Freunde, der junge "Edgar" und der junge "Edmund", werden uns mit "Hallo König!" begrüßen.Und wir werden gemeinsam Deinen Lebensweg durchpflügen. Wir werden Dein Reich verteilen, Deine Töchter verfluchen, in kindischer Nacktheit den reinen Menschen finden und mit dem blinden Gloucester über die Hinfälligkeit der Welt diskutieren.Und wir werden uns fragen, wer wen bei der Hand nimmt: Du mich oder ich Dich.Siehst Du mir zu, wenn ich spiele, oder schaue ich Dir zu, was Du aus mir machst?Sind wir getrennt, wenn ich Dich spiele, oder sind wir eng beieinander?Antwortest Du, wenn ich Dich frage, oder versuche ich zu antworten auf Deine Frage n?Ich habe so oft darüber nachgedacht, König!Aber Du sagst immer nur dasselbe: "Ist der Mensch nicht mehr als dies?" oder: "Schaut ihre Lippen! Schaut da!Schaut da!" Ich glaube, wir sind Vampire, die sich gegenseitig das lebenspendende Blut aussaugen.Wir sind Leben und Tod füreinander. Trotzdem, wir müssen gerüstet sein, König.Eines Tages wird der Vorhang zum letzten Mal fallen.Dann wird unsere Gemeinsamkeit zu Ende sein.Du wirst zurücksinken in Dein opalisierendes Meer, und mir bleibt nur die Erinnerung an einen Wolf, der Lear hieß.