Drei Dutzend Austern", hatte unser Nachbar Cliquolle geflüstert, entzückt und voller Respekt, "drei Dutzend Austern - zehn Tage vor dem Tod." Seine schwarzen Knopfaugen blitzten: "Und zwei Ammern!" - "Da haben Sie's", hatte der kleine Doktor gerufen, "auch vor dem Tod zählen nur die irdischen Freuden. Keine Metaphysik!

Keine Theologie!" Früher hätte man ihn einen Freidenker genannt, unseren braven Arzt, dem sein Vater den ganz und gar unfranzösischen Namen Wladimir auf den Weg gab (Wladimir Iljitsch zu Ehren). Er las laut, den Lockenkopf schüttelnd, was der sterbende François Mitterrand seinem Chronisten anvertraut hatte: "Vous savez, la seule chose intéressante, c'est de vivre."

Nun soll das alles nicht wahr sein? Georges-Marc Benamou, den der Präsident als Kronzeugen für die Neige seines Erdenwandels bestimmt hatte, dieser talentierte Mensch soll sein Publikum, das der Erzählung vom letzten Silvestermahl im Landhaus von Latche mit solch gaffender Ergriffenheit lauschte, mit ruchlosen Phantasien in die Irre geführt haben? Es soll nicht zutreffen, was den Verblichenen seinen Landsleuten erst recht teuer gemacht hat - sein Bekenntnis zur Liebenswürdigkeit des Vergänglichen, das ihn sozusagen noch auf dem Totenbett die Beine von Julia Roberts preisen ließ?

Doch Yvette und Jean Munier, enge und langjährige Freunde Mitterrands, bestehen darauf: Der Sterbende sei zu schwach gewesen, um die Austern im Dutzend zu konsumieren, von Ammern nicht zu reden, deren Aroma so köstlich ist, daß die wahren Genießer das gebratene Vögelein und ihr eigenes Haupt mit einer Serviette umhüllen, damit kein Hauch des Parfums verlorengeht. So habe der Todkranke die Delikatesse verspeist, berichtete Benamou, mit Kopf und Knöchlein und Eingeweiden, wie es der Brauch ist.

Nichts da! protestierten die Muniers: Der Präsident habe nicht mehr die Kraft besessen, sich vornüber zu beugen, um sich an einem der Vögelchen zu delektieren, geschweige denn an zweien. Ohnedies waren nur zwölf davon auf den Tisch gekommen, nicht genug für die Runde, aber mehr hatte Henri Emmanuelli, einst Generalsekretär der Partei, nicht zu beschaffen vermocht, trotz seiner intimen Beziehungen zu Wildererkreisen, die noch immer ihre Fallen zu stellen und die gefiederten Freunde mit zarter Hand zu mästen wissen, obschon beides seit langem untersagt ist, die Fallenstellerei und das Stopfen. François Mitterrand hat auf die Ortolane in keiner Silvesternacht verzichtet, ungeachtet des schwermütigen Gesanges, den man der Fett- oder Gartenammer zuschreibt.

Wenn Georges-Marc Benamou seine Leser mit den Austern und Ammern hinters Licht geführt hat, dann regen sich erst recht lebhafte Zweifel, ob es denn wahr ist, daß der siechende Regent dem Gaullistenchef Chirac geheime Botschaften zukommen ließ, die den Pariser Bürgermeister zur Präsidentschaftskandidatur ermutigten: Nicht, weil er ihm innig zugeneigt war, sondern weil er den Ministerpräsidenten Balladur, den er einen "otomanischen Würger" nannte (weil er in Smyrna das Licht der Welt erblickt hatte), von ganzem Herzen haßte obendrein hielt ihn ein nachhaltiges Ressentiment dazu an, auch dem Parteifreund Jospin den Weg ins Elysée zu verlegen.

Was können wir glauben? Wenigstens sein europäisches Credo: Der Mechanismus der Einigung sei installiert sie werde so unweigerlich kommen wie die gemeinsame Währung. Darauf wollen wir nicht verzichten, so schwankend der Grund ist, auf dem sich die Historiker und Biographen bewegen. Nicht auf Europa und nicht auf den Ortolan, der nun zum Mythos der Franzosen gehört wie die Lerche der Jeanne d'Arc, von der der Melancholiker Jean Anouilh sagte, daß sie "in Frankreichs Himmel ihr fröhliches und absurdes Lied singt, während schon die Flinten auf sie gerichtet sind".