DIE ZEIT: Herr Lambsdorff, ist die Steuerreform ein großer Befreiungsschlag?

Und ist damit vorläufig die Frage beantwortet, ob nur eine große Koalition noch in der Lage sei, die notwendigen politischen Veränderungen zu erreichen?

Otto Graf Lambsdorff: Ein Befreiungsschlag? Woran wird das gemessen?

Für mich mißt sich der Erfolg oder Mißerfolg dieser Steuerreform - wie überhaupt unsere Wirtschafts- und Finanzpolitik - an dem Ergebnis, das am Arbeitsmarkt ablesbar ist. Ich bin überzeugt, daß das, was auf den Tisch gelegt wurde, wieder Investitionen nach Deutschland bringen kann. Das ist ein großer Sprung in die richtige Richtung, auch wenn es kein Jahrhundertwerk ist. Aus unserer Sicht ist das auch ein Baustein zur Festigung der Koalition.

Eine große Koalition müßte sich auf Inhalte verständigen. Ich sehe nicht, daß sich CDU und CSU - vielleicht gilt es aber für Teile von ihr - auf wirtschafts-, beschäftigungs- und finanzpolitische Maßnahmen mit der SPD verständigen könnten. Im übrigen: Was hat denn die Große Koalition von 1966 bewegt? Die Notstandsgesetze, Gott sei's geklagt! Das sollte selbst den Chefredakteur der ZEIT überzeugen, daß aus derartigen Veranstaltungen nicht viel herauskommen kann.

ZEIT: Zu Ihrer Bilanz: Unter den neun Wirtschaftsministern gehören Sie zu den bekanntesten. Mit Ludwig Erhard verbindet man das Stichwort "Wirtschaftswunder". Bei Karl Schiller denkt man an das Stabilitätsgesetz und an die konzertierte Aktion. Was sollte man mit dem Namen Lambsdorff verbinden?

Lambsdorff: Mein nachhaltigster, dauerhafter - und am Ende wesentlicher - Beitrag zur Wirtschaftspolitik und zur Politik allgemein war es, daß ich die Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung der sozialen Marktwirtschaft in der Diskussion vertreten und die ordnungspolitischen Prinzipien lebendig gehalten habe.