Massenarbeitslosigkeit, Schuldenkrise, Konkurse - die deutsche Misere hat endlich auch unsere Geistesarbeiter mobilisiert. "Bis hierher und nicht weiter" mahnen die Unterzeichner einer "Erfurter Erklärung". Schluß soll sein mit "asozialen Frechheiten" (Günter Grass) und Mißmanagement. Hat sich doch auch das Sündenregister der Wirtschaftsfunktionäre letzthin beträchtlich verlängert - Hennemanns Eskapaden, Piëchs Ausfälle und Gottscholls Pleite hinterdrein.

Derweil klettert ein Buch die Bestsellerlisten hinauf, das alle Verzagten zu trösten verspricht. Wer den unsinnigen Titel "Wie ein Vogel im Aquarium" als Gebrauchsanweisung nimmt, liest eine zoologische Abhandlung über moderne Manager. Als selbstverliebte Kreaturen, als emotionale "Krüppel" hat man sich demnach die Bewohner der Chefetage vorzustellen. So jedenfalls beschreibt sie ein ehemaliger Mitbewohner nach seiner Zwangsentmietung und anschließenden Resozialisierung: Daniel Goeudevert entwirft das Psychogramm eines Berufsstandes, der ihn als "Paradiesvogel" mal belächelte, mal belobigte, mal beschimpfte und schließlich abschoß.

Seine Karriere erstaunt den gebürtigen Franzosen rückblickend selbst. Weder sonderlich zielstrebig noch ehrgeizig, sieht er sich als "Märchenfigur, die vom Schicksal vorangeschoben wird".

Der studierte Geisteswissenschaftler heuert als Autoverkäufer bei Citroën an, steigt zum Verkaufsvorstand der Schweizer Filiale empor, verbessert sich auf den Chefsessel der deutschen Niederlassung von Renault und wechselt weiter zu Ford. Ganz nebenbei läßt er querulatorische Sprüche fallen, die das Automobilistenlager in Aufruhr versetzen: Goeudevert warnt vor dem Verkehrsinfarkt, dem blinden Technikfetischismus seiner Zunft und gesteht schließlich forsch, er könne auch mit einem Tempolimit leben.

Fortan wird er als "Nestbeschmutzer" befehdet und als "Querdenker" gefeiert. Allerdings landen seine wegweisenden Ideen bei Ford allzuhäufig im Papierkorb, was eine Trennung in beiderseitigem Einvernehmen unumgänglich macht. Goeudevert zieht zu VW, wo er zuletzt als Stellvertreter Ferdinand Piëchs dem Konzernvorstand angehört. Daß dieses Tandem sich nicht verständigen kann, steht alsbald fest. Der Boß höre nicht gerne zu, hat der Vize schon vorab bemängelt. Kommunikation, die auf der Einbahnstraße rollt, hat mit Goeudevert keine Chance.

Seine Kritik an der blutarmen, gesellschaftsentwöhnten Kaste des Führungspersonals gipfelt genau in diesem Vorwurf: Der Topmanager dulde kein Widerwort, er umgebe sich mit einer "Entourage nach seinem Geschmack" und könne "die Realität nicht mehr als seine" begreifen. Die Schuld für dieses Versagen trifft freilich ein nebulöses Gebilde, die "systemischen Strukturen der Manager-Welt".

So strikt Daniel Goeudevert den Hokuspokus modischer Unternehmensphilosophien ablehnt, so hingebungsvoll bastelt er selbst an nicht minder vagen Thesen. Begriffe wie Intuition, Motivation, Vision reiht er zum wohlfeilen Wortgeklingel. Dabei tappt er zuletzt in die eigene Falle: Zwar dauert ihn die "maskuline Dominanz und Lebensferne der Direktoren, zugleich lobpreist er aber die Sekretärin, "die nichts anderes kannte als ihre Arbeit, ja selbst ihr Privatleben hintanstellte". So beweihräuchert man den eigentlich beklagten Daseinsverzicht - sofern ihn die hilfreichen Vorzimmerdamen üben.