Ludwig Erhards Entschlossenheit beim Wiederaufbau Deutschlands und seine politische Philosophie sind ein Leitbild für Reformer geblieben. Während des vergangenen Jahrzehnts gingen die Trends in der Welt eindeutig in Erhards Richtung. Darin liegt eine gewisse Ironie, denn während sein Erbe in Reformländern rund um den Globus lebt, würde er wohl um so enttäuschter sein, je mehr er sich Deutschland näherte. In Europa wurde Erhards Vision der sozialen Marktwirtschaft deformiert zum Versorgungsstaat, dem er zutiefst mißtraute. Wie von Erhard befürchtet, haben die übersteigerten Sozialausgaben der deutschen Volkswirtschaft viel von ihrer Dynamik geraubt.

Die Europäische Union droht zum Vorreiter der von ihm befürchteten Bürokratisierung zu werden.

Erhard erwarb sich seinen geschichtlichen Ruhm 1948, als er durch eine entschlossene Geldreform und die Abschaffung von Preis- und Bewirtschaftsvorschriften im paralysierten Nachkriegsdeutschland den Gordischen Knoten durchschlug. Sein schneller Sieg über das monetäre Chaos wurde zum Maßstab für spätere Reformer. Als Berater in Bolivien war ich 1985 verblüfft, wie sehr sich die Regierenden dort auch vierzig Jahre später noch von Erhard inspirieren ließen.

Bolivien wählte ebenfalls den Weg entschlossener monetärer Stabilisierung und Liberalisierung - mit dramatischen Erfolgen. Der Reformer, der sich am entschiedensten hinter Erhards Ansatz stellte, Gonzalo Sánchez de Lozada, ist heute bolivianischer Präsident.

Meine vielleicht eindrucksvollste Begegnung mit Erhards Erbe hatte ich 1989 bei der demokratischen Wiedergeburt im postkommunistischen Polen. Mehrere Wochen lang warb ich im Sommer 1989 für sofortige Preisliberalisierung und Währungskonvertibilität, um Hyperinflation und die Mangelwirtschaft zu überwinden. Diese Politik war sehr umstritten - bis zum 24. August 1989, dem Tag, an dem Tadeusz Mazowiecki, Polens erster postkommunistischer Ministerpräsident, seinen Amtseid ablegte. Am späten Abend eröffnete er unser Gespräch mit der Bemerkung: "Ich suche nach meinem eigenen Ludwig Erhard."

Er fand ihn in dem brillanten Finanzminister Leszek Balcerowicz.

Dessen "Schocktherapie" machten aus Polen eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften in Europa.