Anfang Januar kreuzten sich zwei unglaubliche Meldungen. Erstens: Helmut Lachenmann, 61 Jahre alt und wohnhaft in Schwabenland, wird mit dem mit 250 000 Mark dotierten Internationalen Musikpreis der Ernst-von-Siemens-Stiftung ausgezeichnet, dem sogenannten Nobelpreis der Musik. Zweitens: Lachenmanns erste Oper ist vollendet und befindet sich im kritischen Stadium der Endprobe: "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern", nach Texten von Hans Christian Andersen, Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci. Dann, am 26. Januar, hat Hamburg endlich einmal wieder einen krachenden Skandal. Truppweis verlassen die Premierengäste mitten unter der Uraufführung das Opernhaus und knallen die Türen hinter sich zu. Dabei hatte doch der Komponist, in aller Bescheidenheit einen hochberühmten Kollegen zitierend, vorab gebeten: "von Herzen - möge es zu Herzen gehen."

Helmut Lachenmann ist dem Ruf nach ein radikales Originalgenie.

Er hat sich, wie viele vor ihm, der Erfindung einer ganz neuen Musik verschrieben - einer Umwälzung, die heute nicht mehr so leicht zu bewerkstelligen ist wie noch zu Zeiten Beethovens (und schon Beethoven hatte sich damit schwergetan). Heute aber sind alle Töne schon einmal dagewesen. Dazu kommt der veränderte soziale Status der Musik. Sie ist nicht mehr wie früher ein Luxus: das kunstvoll organisierte Geräusch als die schöne Ausnahme in einer Welt voll diffuser Geräusche.

Die Musik ist abgesunken zum allerordinärsten und unentrinnbarsten Geräusch überhaupt, wenn man denn die Mozart-Beethoven-Abba-Bach- BonJovi-Verdi-Frisell-und-so-weiter-Suppe, die auf Schritt und Tritt aus allen Lautsprechern schwappt, noch Musik nennen will.

Insofern ist es nicht radikal, sondern nur folgerichtig und schon fast common sense, daß unsere besten Komponisten nichts mehr neu zusammensetzen (com-ponere), sondern nur noch auseinandernehmen.

Der Komponist ist, ungefähr seit Beethoven, nicht mehr im guthandwerklichen Sinne ein Tonsetzer, sondern Tonzersetzer. Nicht mehr Sammler und Jäger, sondern Philosoph und Prediger und Sterndeuter und Schamane und Klageweib und ein in den Wänden tickender Totenwurm.

Klopft und klagt seit rund vierzig Jahren über die Historizität des musikalischen Materials.