Das Verfahren gegen Peter Graf war nicht nur wegen der Tumulte um Steffi interessant. Das Urteil ist auch einer der heftigsten Rüffel, den ein Ministerium und eine Oberfinanzdirektion in Deutschland von einem unabhängigen Gericht je haben einstecken müssen. Das Stuttgarter Ministerium von Gerhard Mayer-Vorfelder reagierte daher auch schnell und frisierte ein wenig die Wahrheit. In einer Presseerklärung unmittelbar nach dem Urteil betonte das Ministerium, daß die Mannheimer Richter "für die im Steuerfall Graf tätigen Finanzbeamten" eine Ehrenerklärung abgegeben hätten. Das ist nicht richtig. Wörtlich hieß es in der Urteilsbegründung: "Das Gericht sieht sich veranlaßt, eine gewisse Ehrenerklärung für die Finanzbeamten an der Front abzugeben." Davon waren die Oberbehörden ausdrücklich ausgenommen.

So abgewogen das Urteil der Mannheimer Richter über den Steuersünder Peter Graf ausfiel, so vernichtend war die Kritik an der höheren Finanzverwaltung. Man "orientierte sich an Zweckmäßigkeitskriterien", habe "fiskalische Aspekte im Auge gehabt", die "den Blick auf das Legalitätsprinzip verstellten", sagte der Vorsitzende Richter Joachim Plaß in der Urteilsbegründung. Die Einleitung eines Strafverfahrens gegen Peter Graf sei schon "1991 erforderlich gewesen". Daß dies nicht geschehen sei, könne nur als "ungewöhnlich" bezeichnet werden.

Weil die Finanzverwaltung 1991 kein Steuerstrafverfahren gegen Peter Graf eingeleitet hatte, seien die nachfolgenden versuchten und tatsächlichen Steuerhinterziehungen Grafs in Höhe von vierzehn Millionen Mark auch nicht als besonders schwerer Fall zu werten.

Voll anrechnen lassen müsse sich Graf lediglich die unredlichen Steuerhinterziehungen in Höhe von zwei Millionen Mark zwischen 1989 und 1991. Sein Strafmaß beschränkt sich daher auf drei Jahre und neun Monate.

Der Groll des Gerichts gilt einem Zirkel aus Ministerialbeamten, Beamten der Oberfinanzdirektion Karlsruhe, des Bundesamtes für Finanzen, Betriebsprüfern, Steuerfahndern und Finanzbeamten. Dieser Kreis hat am 27. Nobember 1991 im Stuttgarter Finanzministerium "taktisch überlegt, um auf keinen Fall zwischen zwei Stühlen zu sitzen", wie Abteilungsleiter Rudi Märkle im Zeugenstand das damalige Gespräch umschrieb. Die kritische Einschätzung der unteren Finanzbehörden blieb unbeachtet.

Eine taktische Überlegung war: Solange Peter Graf kooperativ mitspielte, im Lande blieb und Millionen von Steuern im Inland bezahlte, blieb der Knüppel der Steuerfahndung im Sack. Falls Graf nicht zahlen oder sich ins Ausland absetzen würde, sollte die Steuerfahndung tätig werden. Der Haken war nur: Durch eine wenige Tage zuvor eingegangene Auskunft aus den Vereinigten Staaten wußten die Taktiker im Finanzministerium, daß Peter Graf mit seiner Sun-Park-Briefkastenfirma in Holland bereits kräftig Steuern am deutschen Fiskus vorbeischleuste.

Das Legalitätsprinzip interessierte die Runde nur am Rande, wie auch das Gericht ausdrücklich feststellte. "In dubio pro fisko", nannten die Graf-Verteidiger Franz Salditt und Steuerberater Berthold Wipfler dieses Phänomen. Der Rüffel aus dem Gerichtssaal könnte Folgen haben: Die Beamten dürften bei Besteuerungsverfahren und Betriebsprüfungen genauer als bisher prüfen. Im "Ländle" zumindest stärkt den unteren Beamten nun die Ehrenerklärung des Landgerichtes den Rücken gegen politische Wünsche der übergeordneten Behörden.