Für die Touristen in der Strandtaverne ist die schrullige Dicke im Bikini mit dem wehenden Sarong-Tuch darüber schlicht "die Irre".

Wer sonst hockt schon Tag für Tag auf demselben Stein im Wasser und starrt aufs Meer, hopst plötzlich wie angestochen hinein und läßt sich stundenlang bauchoben von den Wellen treiben? Doch die Frau mit den eisengrauen Haaren "nahm wahr, wie befremdet, manchmal auch verlegen man sie ansah, wie lange man ihr nachschaute.

Sie fühlte es im Rücken. Es kümmerte sie nicht weiter." Für die Bewohner jedoch ist Mary Ellen seit langem mehr als nur eine Bildstörung.

Um eine glücklose Affäre zu vergessen, hatte sich die unbedarfte blonde Buchhalterin aus England vor dreißig Jahren auf der griechischen Insel einquartiert. Doch ein rätselhaftes Fieber hält sie länger als vorgesehen fest. Der Tavernenwirt Dimitris vermietet ihr einen Verschlag, und seine Frau Elenyi pflegt sie. Als Mary Ellen sich erholt hat, ist Winter. Aber sie bleibt.

Jeannette Lander wurde 1931 in New York geboren, studierte Amerikanistik und Germanistik und lebt seit 1960 in Berlin. Wie in ihrem ersten Buch "Auf dem Boden der Fremde" (1971) verarbeitet sie in ihrem vorliegenden sechsten Roman Erfahrungen an unvertrautem Ort: "Es ist dieses ständig Doppelte an dem Fremdsein, was mich an dem Stoff gereizt hat, die Selbstwahrnehmung und gleichzeitig die Ebene, die wahrnimmt, was die anderen Menschen von einem denken."

Die unerbittliche Analyse und Neuordnung ihrer Gefühle hält Mary Ellen auf der Insel fest. Der Landessprache kaum mächtig, durchlebt sie dabei einen Prozeß des Verstummens: "Diese große Sprachlosigkeit, dieses allumfassende Schweigen, zu dem sie als Fremde verurteilt war . . . hatte sie die Unzulänglichkeit der Worte gelehrt, es ließ sie Mienen und Gesten lesen, den Tonfall, den Blick abfragen und in Bildern denken." Sie verläßt sich zunehmend auf ihr "drittes Auge, das Auge dessen, der außerhalb" steht.

So erblickt sie die zu Lieblosigkeit verkrustete fremdenfeindliche Moral hinter den Masken der Einheimischen und wird ihnen selber zu einer wachsenden Bedrohung: Als Dimitris sie wie ein Stück Freiwild vergewaltigt hat, bleibt Mary Ellen trotzdem. Doch jetzt beginnt sie sich zu wehren. Elenyi wird krank. Die Nachbarinnen halten nur tatenlos Wache. Mary Ellen drängt sie zur Seite, will ihrer Wahlschwester helfen, doch die Krallen der "Vogelfrauen" reißen sie schließlich zu Boden.