Gott sieht alles. Tatsache. Sofern Gott eine Tatsache ist. "Gott sieht alles!" sagen deshalb strenge Eltern gern, wenn sie argwöhnen, daß ihre lieben Kinder heimlich Unerlaubtes, wenn nicht gar Unzüchtiges tun. Sind die Eltern, in ihrer tragischen Rolle als Stellvertreter, Hausverwalter Gottes, allzu streng, kann es geschehen, daß die Kinder vor ihnen die Flucht ergreifen.

Dies ist beinahe schon die ganze Geschichte, die der knapp dreißigjährige Pierre Corneille in seinem Drama "L'Illusion comique" aus dem Jahr 1635 erzählt der gerade dreißigjährige Stefan Bachmann (demnächst Salzburger Festspiele) hat das Stück nun unter dem noch schöneren Titel "Triumph der Illusionen" im Hamburger Schauspielhaus inszeniert.

Am Ende: fröhlicher, jauchzender Beifall. Gott liebt uns alle.

Herr Alcandre ist Zaubermeister. Er kann alles, weiß alles, sieht alles: "Ihm reicht ein Blick / Und schon erzählt er dir dein Leben bis in alle Einzelheit!" Man könnte sich diesen wundertätigen Magier folglich als eine gottgleiche, furchterregende Figur vorstellen - Herr über die Lebenden und die Toten. Und seine Grotte als ein Weltreich, in dem der Zauber niemals untergeht. In Hamburg spielt der hochwundersame Siggi Schwientek den Überirdischen. Er hat einen kurios hohen, knittrigen, grauen Zauberhut auf dem Kopf, und schlotterige graue Hosen bedecken gnädig sein dürres Gebein.

Herr Alcandre ist kein teuflischer Mephisto, kein gestrenger Prospero, kein großer Alpenkönig sondern ein Magier aus der Vorstadt, ein skurriler Hungerkünstler, ein Wesen von schüchternem, schütterem, mausgrauem Liebreiz. Und sein Zauberlehrling (Stefan Merki) ist ein rechter Galgenvogel und Beutelschneider. Kurzum: Das Theater der Illusionen ist ein armer Betrieb, vielleicht fehlt es ihm an Subventionen.

Doch da kommt Herr Pridamant (Werner Rehm) des Weges: sehr vermögend offenbar und todunglücklich augenscheinlich. Er hat mit seiner grimmen Vaterstrenge den Sohn Clindor aus dem Hause vertrieben - und sucht ihn nun irrfahrend auf der ganzen Welt. Der Zauberer ist wahrscheinlich seine allerletzte Hoffnung. Und Herr Alcandre, der noch keinen Hilfeflehenden enttäuscht hat, zaubert auch diesmal Glück und Versöhnung herbei. Dies dauert nur zwei Stunden und fünf zierliche Akte lang.

Ein wahrhaft seltsames Stück Theater. Der Dichter selber nannte es ein "fremdartiges Monster". Als depressives Trauerspiel zum ewigen Thema "Väter und Söhne" scheint es zu beginnen - und am Ende, vor der Schlußpointe, zu enden. Doch zwischendurch, solange Herr Alcandre trickst und zaubert, sein Grotten- und Dreigroschentheater in Gang setzt, scheint der "Triumph der Illusionen" nicht mehr zu sein als eine holde Albernheit, eine erotische Buffonerie.