Am 6. Januar beobachtete die Raumsonde Soho einen gewaltigen Energieausbruch auf der Sonne. Wolken von elektrisch geladenen Gasteilchen wurden in den Weltraum geschleudert und rasten mit einer Geschwindigkeit von 1,6 Millionen Kilometern pro Stunde auf die Erde zu. Am 10.

Januar erreichte die magnetisierte Wolke mit einem Durchmesser von rund 48 Millionen Kilometern die Erde. Sie erzeugte eine Druckwelle, die die Magnetosphäre der Erde vorne um rund ein Drittel zusammenstauchte.

"Es war, als ob die Magnetosphäre von einem Hammer getroffen würde", beschrieb der Astrophysiker Robert Hoffmann das Ereignis. Die Energie im irdischen Strahlungsgürtel stieg um mehr als das Hundertfache an, und ein magnetischer Sturm raste über die Pole. In der Antarktis konnten Flugzeuge nicht starten und in den USA machte sich der Magnetsturm durch einen Fernsehbildausfall bemerkbar, als am 11.

Januar der Übertragungssatellit Telestar 401 verstummte. Wenige Tage später gab die Betreibergesellschaft AT&T den Zusammenbruch des 200 Millionen Dollar teuren Satelliten bekannt.

Doch nicht die irdischen Auswirkungen dieser Sonneneruption versetzten die Wissenschaftler in Aufregung. "Dies geschieht nicht zum ersten Mal, und es ist auch nicht der stärkste Sonnensturm, den wir bislang beobachteten", meinte Nasa-Sprecher Stephen Maran. "Aber zum allerersten Mal konnten wir ein solches Ereignis von Anfang bis Ende dokumentieren."

Zwanzig Satelliten und dreißig erdgebundene Teleskope rund um den Globus zeichneten sämtliche Details des kosmischen Ereignisses auf, von der Entstehung auf der Sonne bis zum Auftreffen auf der Erde. Sie alle sind Teil des Internationalen Solar-Terrestrischen Physik-Programmes (ISTP), deren Forscher sich zufällig just zum Zeitpunkt der Sonneneruption auf einer Tagung in Boulder im US-Bundesstaat Colorado trafen. Und der Magnetsturm, dessen Ursprünge auf der Sonne die Tagungsteilnehmer erstmals in einer Folge von Aufnahmen des Soho-Satelliten betrachten konnten, lieferte wie bestellt die Begründung für eine "Weltraum-Wettervorhersage", wie sie den ISTP-Wissenschaftlern vorschwebt.

Denn die Sonne versorgt uns nicht nur mit sichtbarem Licht und fühlbarer Wärme, sondern schickt auch eine ganze Reihe weiterer kosmischer Sendboten: Dazu gehören Strahlungsschübe im Röntgen- und Ultraviolettbereich, Radiowellen, Ströme energiereicher Teilchen und der sogenannte Sonnenwind, ein Strom geladener Teilchen, der ständig von der Sonne abdampft. Während die Licht- und Wärmestrahlung glücklicherweise ziemlich konstant ist, was die Entwicklung von Leben auf der Erde überhaupt erst ermöglichte, können alle anderen Strahlungskomponenten stark schwanken. Sie hängen unter anderem von dem elfjährigen Zyklus der Sonnenfleckenaktivität ab dieser durchläuft derzeit ein Minimum und wird zwischen den Jahren 2000 und 2002 wieder ein Aktivitätsmaximum erreichen. Schlechter prognostizierbar ist dagegen die Intensität der solaren Aktivität. Noch unberechenbarer sind jene Ausbrüche von solaren Gaswolken, wie sie Anfang Januar beobachtet wurden.