Pathe", so Aristoteles, sind "solche Regungen, durch die die Menschen sich so verändern, daß ihre Entscheidungen anders werden". Gegenüber jeder Art von Beeinflussung des Handelns durch emotionalisierende Rhetorik herrscht allerdings im heutigen Deutschland ein begreifliches Mißtrauen - zu eng scheinen, seit der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus, Pathos und Demagogie benachbart.

Aber sind die Deutschen wirklich so unpathetisch, wie sie sich gerne geben? Kann die Res publica überhaupt ohne affektive Überredungskunst auskommen? Und ist der Generalverdacht gegen das Pathos nicht Ausdruck der Unfähigkeit oder des Unwillens, sich mit den Tiefenschichten deutscher Bewußtseinszustände kritisch und differenziert auseinanderzusetzen?

Dreizehn Philosophen, Sozial- und Geisteswissenschaftler zeichnen im vorliegenden Band deutsche Ideengeschichte zwischen Pathos und Pathologie nach und fragen, wo das einst so gewaltige und gewalttätige "Pathos der Deutschen" heute geblieben ist.

Hermann Timm zeigt in seinem Beitrag über die "Seelenlandschaft Deutschland", wie Novalis, Kleist, Friedrich Schlegel, Joseph Görres und andere politische Romantiker "das Deutsche" im frühen 19. Jahrhundert zum welterlösenden Menschheitsideal emporstilisierten.

Deutschland sei die aufstrebende, junge Nation, deren synthetisierender Geist das von Rationalismus, Krieg und Revolution ausgelaugte moderne Europa zu neuem Leben erwecken und in ein drittes, herrliches Menschheitszeitalter nach Antike und Mittelalter führen werde: "Europas Geist erlosch in Deutschland fließt / Der Quell der neuen Zeit. Die aus ihm tranken / Sind wahrhaft deutsch", dichtete Friedrich Schlegel im Jahre 1800. Görres gab als "gemeinsames Ziel in der gesamten europäischen Gesellschaft" die "verdeutschte Welt" an. Aber auch den linken Progressisten im 19. Jahrhundert war die Vision nicht fremd, die Deutschen hätten die Menschheit zur Vollkommenheit zu führen. "Wenn wir das arme, glückenterbte Volk und den verhöhnten Genius und die geschändete Schönheit wieder in ihre Würde einsetzen", schwärmte selbst der Skeptiker Heinrich Heine 1844, "ganz Frankreich wird uns alsdann zufallen, ganz Europa, die ganze Welt - die ganze Welt wird deutsch werden!" Ähnlich dachte wohl auch Marx: Dessen aus dem Geiste Hegelscher Dialektik geborene Geschichtsphilosophie wurde Grundlage einer Staatsideologie, die bis vor wenigen Jahren immerhin ein Drittel des Planeten beherrschte.

Weil Deutschland keinen klar umrissenen territorialen Körper besaß, idealisierte es sich zur "Kulturnation": Gegen schnödes Nutzdenken und zivilisatorischen Imperialismus des Westens stand der interesselose, grenzenlose "deutsche Geist" als Erbe der besten Früchte aller bisherigen Kulturepochen. Das Pathos der Deutschen oszillierte seit dem frühen 19. Jahrhundert zwischen rückwärtsgerichteter Verklärung der eigenen "germanischen" Ursprünge und einer chiliastischen Geschichtsutopie. Negiert werden sollte die Gegenwart einer nihilistisch entwerteten Moderne: Deutschland als visionäres Konkurrenzunternehmen ganzheitlicher "Kultur", das die seelenlose "Zivilisation" der lateinisch-angelsächsischen Welt herausforderte.

Aber hat nicht zumindest die romantische Ironie dem aggressiven nationalen Pathos ein skeptisches Korrektiv entgegengesetzt? Nein, sagt Raimar Zons in einem furiosen Aufsatz über das "ironische Pathos". Im Gegensatz zu Romantiktheoretikern wie Karl Heinz Bohrer, die in der ironischen Weltauffassung das ästhetische Bindeglied der Romantiker zur westlichen Moderneentwicklung erkennen wollen, sieht Zons die deutsche Ironie nicht im Gegensatz zum Pathos des chiliastischen deutschen Nationalismus. Bis hin zu Thomas Mann ist sie ein Distanzierungsmittel, mit dessen Hilfe der deutsche Volkskörper vor universalistischer Gleichschaltung bewahrt werden soll. Die romantische Ironie zielte auf die Reinigung der deutschen Seele vom zersetzenden Einfluß der utilitaristischen westlichen Moderne. Ironie sei "die spezifisch moderne Form des Antimodernismus" der deutschen Romantik. Die romantische Ironie wollte Vorschein einer zukünftigen, wieder ganz gewordenen Welt und Negation einer wertlosen Gegenwart sein. Mit Hilfe ironischer Negation versuchte sich die moderne Subjektivität aus der Entfremdung zu befreien und in das Himmelreich der organischen Volksgemeinschaft zu transzendieren.