Ein wenig zieht sie das rechte Bein nach. Doch das merkt niemand.

Wer sie auf- und untertauchen sieht im Protestgewoge, dem prägen sich nur ihre ruhelos gestikulierenden Hände und ihre strahlenden braunen Augen ein. Die Frau im königsblauen Mantel wandert den Polizeikordon ab. Immer wieder knöpft sie sich die jungen, schwerbewaffneten Burschen aus der Provinz vor. Einige antworten freundlich, andere starren stur geradeaus.

Da rutscht ihr Bein, das rechte, auf dem glitschigen Trottoir weg. Sie strauchelt. Ein junger Milizionär stößt sie brutal zurück: "Weg hier, aus dem Weg!" Die Frau weicht nicht. Sie dreht den Kopf mit dem kleinen Käppi einem älteren Polizeioffizier zu: "Lassen Sie mich mit Ihren Leuten reden. Ich will, daß es keine Gewalt gibt. Ich weiß, was Schmerzen sind. Ich bin Vesna Vulovic."

Mit fast ehrfürchtigem Staunen nimmt der Polizeioffizier Haltung an. "Reden Sie mit den Leuten, Vesna", stammelt er, "keine Hand wird sich gegen Sie erheben. Dafür werde ich sorgen."

Der Mann kennt ihren Namen seit genau einem Vierteljahrhundert.

Am 26. Januar 1972 stürzte Vesna Vulovic, die damals 22jährige Stewardeß, über der Tschechoslowakei mit einer DC 9 der jugoslawischen Luftlinie JAT ab. Die Maschine war in der Luft von einer Bombe zerrissen worden. Das Bild mit ihrem blonden Wuschelkopf ging um die Erde - die sie nach dem Sturz aus 10 500 Meter Höhe als einzige lebend aufgefangen hatte. 27 Tote und ein blutiges Bündel, leise stöhnend. Es wurde zum Weltwunder.

Auf Belgrads Terazije-Platz und in der Flanierstraße Knez Mihajlova, wo sich jetzt alltäglich die Demonstranten treffen und die Zeitungsverkäufer mit eigenwilliger Betonung die Demmo-kraa-zija, das gleichnamige Oppositionsblatt, anpreisen, standen vor 25 Jahren die Menschen unter einer ersten frühlingshaften Sonne in Scharen an den Kiosken.