Die Hauptroute führt von Norden nach Süden. Reisende sind Rinder und Kälber. In Viehtransportern werden sie tagelang durch Europa gekarrt.

Ganz groß in diesem Geschäft waren bis vor zehn Monaten ausgerechnet die Briten. Zwar war ihnen 1990 von Brüssel der Handel mit lebenden Rindern verboten worden seither konnten sie ihr schmackhaftes Angus Beef nur noch als Steaks auf den Kontinent liefern. Doch beim Handel mit lebenden Kälbern spielten sie neben Frankreich weiterhin die Hauptrolle. Ganz legal. Schließlich gingen die Mitgliedsstaaten damals davon aus, daß Kälber nicht mehr vom Rinderwahn befallen werden konnten, weil die Verfütterung von infektiösem Tiermehl in Großbritannien 1988 verboten worden war. Ein Irrtum, von dem die Briten sechs Jahre lang profitierten. Rund eine halbe Million Tiere verschifften sie jedes Jahr auf den Kontinent. So lieferte das Vereinigte Königreich zum Beispiel 1994 rund 220 000 Kälber nach Frankreich, knapp 160 000 gingen in die Niederlande und weitere 77 000 Kälber nach Belgien. Vor allem Belgien und die Niederlande sind für ihre perfektionierte Kälbermast berühmt-berüchtigt.

Am Bestimmungsort wurden die britischen Kälber marktreif gemästet und mußten nach einer EU-Verordnung mit spätestens sechs Monaten geschlachtet werden. Dieses Fleisch durfte dann, wie auch das Rindfleisch, das direkt aus Großbritannien kam, frei und ungekennzeichnet im Binnenmarkt gehandelt werden. Erst im März 1996 erließ die EU einen totalen Importstopp für lebende Tiere und Fleisch aus Großbritannien. Die Holländer vernichteten daraufhin 60 000 britische Kälber.

Die Gerüchte über illegale Exporte von Rindern aus dem Vereinigten Königreich verstummen aber nicht. So sollen britische Rinder nach Estland und Lettland verschifft worden sein, um dort eine neue Identität zu bekommen. Mit osteuropäischem Stammbaum versehen, sollen sie dann weiterverkauft worden sein nach Deutschland und Italien. "Humbug", behauptet Hubert Bungartz, Geschäftsführer des Deutschen Vieh- und Fleischhandelsbundes. "Auch wenn man kriminelle Energie unterstellen will, rechnet sich so ein Handel nicht, da kommt die Entsorgung im eigenen Land doch viel billiger."

Unmöglich wäre solch ein Schmuggel allerdings nicht. Die Ostgrenzen der EU sind für Viehtransporte offen. Osteuropäische Staaten können zu günstigen Konditionen jährlich fünfhunderttausend Rinder in die Europäische Union liefern. Angeblich werden Rinder aus dem Osten schon im Herkunftsland nach Kriterien der EU streng kontrolliert.

Zumindest an der Grenze zum Binnenmarkt aber haben die Mitgliedsstaaten die Möglichkeit, die Viehtransporte unter die Lupe zu nehmen.

Im Binnenmarkt selbst dagegen sind die Kontrollen schwierig geworden.