Eben war man noch angeklagt, es drohte das Stigma "vorbestraft", man sah sich vielleicht schon mit einem Bein im Gefängnis - und plötzlich ist man im Namen des Volkes wiederhergestellt als der Ehrenmann, der man doch ist. Ja, so kann's einem ergehen. Der Freispruch des Kieler Amtsgerichts verschafft dem Angeklagten Jürgen T. sichtlich Erleichterung. Selbst die Anfälle von Stottern, die den 59jährigen Kraftfahrzeugmeister während der Verhandlung behinderten, sind plötzlich wie weggeblasen. Kein Zweifel: Falsche Anschuldigungen belasten einen ehrbaren Handwerker nun einmal stärker als zutreffende Anklagen einen echten Missetäter.

Gerade weil Herr T. nicht verstehen konnte, was er verbrochen haben sollte, hatte er keine ruhige Minute mehr, nachdem Anklage gegen ihn erhoben worden war. Für ihn völlig unerklärlich, wurde Herr T. wegen Nötigung angeklagt, weil im April des vergangenen Jahres ein Transporter auf seinem Grundstück die Zufahrt zum Grundstück des Nachbarn N. blockierte.

Wohl möglich, daß der in Molfsee bei Kiel lebende Jürgen T. schon einmal von Sitzblockaden gehört hat, aber sicherlich hatte er sich nie träumen lassen, daß ein Transporter während des Be- und Entladevorgangs die gleiche Gewalt im Geiste verströmen könnte, wie sie damals diejenigen, die vor den Raketenstellungen hockten, ausgeübt haben sollen. Aber da das Gesetz für Nötigung bis zu drei Jahre Haft androht, versicherte Jürgen T. sich vorsichtshalber nicht nur des Beistands eines versierten Anwalts, sondern ließ sich zusätzlich durch die Begleitung von drei ihm vermutlich verwandtschaftlich verbundenen Damen moralisch unterstützen. So kann der Freispruch nun im Familienverbund gebührend gefeiert werden.

Zu den Umständen des verhandelten Falles ist zu sagen: Herrn T.

gehört das Grundstück mitsamt dem Privatweg, auf dem der Transporter stand dem Nachbarn Fritz N. steht ein Wegerecht für die Zufahrt zu. Vor der Polizei sagte Herr N. damals aus, daß er fast eine Stunde habe warten müssen, bis der Weg endlich frei war. Als er höflich um frühere Ausfahrt gebeten habe, habe Herr T. ihn beschimpft und bedroht. Außerdem sei auch einem Bus mit behinderten Kindern die Zufahrt zu der Schwimmschule, die sich auf seinem Grundstück befinde, versperrt worden.

Fritz N. hat den Nachbarn vor Gericht gebracht, aber weiter will der weißhaarige Rentner den Spaß offenbar nicht treiben. Zu den Anklagepunkten, die er der Polizei im vergangenen Jahr noch wacker in den Block diktierte, mag er sich nun nicht mehr bekennen. Er habe gar nicht wegfahren wollen, muß der Staatsanwalt nun von seinem angeblich zum Warten genötigten Kronzeugen vernehmen. Von Beleidigungen und Bedrohungen wisse er nichts, sagt Herr N. weiter, er habe an dem Tag gar nicht mit Herrn T. gesprochen. Seine Einfahrt sei einfach rücksichtslos blockiert gewesen, das war es.

Die letzten Hoffnungen der Anklage ruhen auf dem Bademeister der Schwimmschule, Hermann M., aber der Zeuge M. steht dem Streit um die Zufahrt neutral gegenüber und erinnert sich nicht, daß seine Patienten hätten warten müssen. So geschieht es also, daß Herr T., um eine erstaunliche Erfahrung reicher, das Amtsgericht als gänzlich unbescholtener Mann verläßt.