Ehe demnächst womöglich der 300. Jahrestag der "freundschaftlichen Begegnung" zwischen Peter I. und dem preußischen Kurfürsten Friedrich III.

in Königsberg gefeiert wird, lohnt es sich durchaus, einen Blick auf die Grundmuster der russisch-preußischen Beziehungen zu werfen und neben dem "Epochenjahr" 1697 auch Preußens Ende (1947) nicht außer acht zu lassen. Denn was 250 Jahre zuvor vielversprechend als "natürliches Bündnis" Rußlands mit Preußen begonnen und nur hundert Jahre später (1795) zur Liquidierung der polnischen Staatlichkeit geführt hatte, kehrte sich weitere 150 Jahre später in die Auflösung Preußens um.

Wer sich nach wie vor auf die innere Logik dieser preußisch-russischen Interessengemeinschaft beruft, sollte nun unbedingt das akribisch recherchierte Buch von Martin Schulze Wessel, "Rußlands Blick auf Preußen", lesen. Denn der Berliner Historiker zeigt, wie ungleich und problematisch das russisch-preußische Bündnis - trotz spektakulärer Gewinne für beide Komplizen - immer wieder war.

1697 spannte Rußland Preußen in seine Politik der "Vorfeldkontrolle" ein, um die französische barrière de l'Est in Mitteleuropa zu sprengen. Für die Aussicht einer "Arrondierung" in Polen gab Preußen, selbst immer wieder anfällig und von Teilungen bedroht, die bisherige Faustregel der brandenburgischen Politik auf, "der Republick gutte affection zu erhalten", und wurde zum willigen Handlanger der russischen Europapolitik. Das Prinzip der "negativen Polenpolitik" (Klaus Zernack) verband zwar die beiden Mächte, doch ihr gemeinsames Interesse, emanzipatorische Bemühungen der Polen zu unterbinden, reichte nicht aus, um die wachsende Konkurrenz zwischen den beiden aufstrebenden "schwarzen Adlern" einzudämmen.

Die antipolnische Logik der Allianz kam bei den mehrfachen Teilungen Polens zur Geltung (1772, 1792, 1795, 1815, 1939). Zugleich war dieses Bündnis in Rußland allerdings keineswegs unumstritten.

Martin Schulze Wessel führt vor, wie wandelbar die Perzeption Preußens in der russischen Öffentlichkeit über die Jahrhunderte war und wie sehr sie sich momentanen Interessenlagen und Geschichtsphilosophien anpaßte. Bewunderung für den straff organisierten und effizienten preußischen Staat konnte in kürzester Zeit in Ablehnung des Militarismus und Empörung über die "Vergewaltigung der russischen Seele" durch Preußen und die deutsche Präsenz in der russischen Innenpolitik umschlagen. Preußen, nach 1871 das deutsche Kaiserreich, war in der russischen Öffentlichkeit gleichsam der Spiegel, in dem man die eigenen Sehnsüchte und Ängste betrachtete. Im preußischen "Kulturkampf" gegen die Polen in der Provinz Posen (aber auch im Ruhrgebiet) sah man eine Parallele zur eigenen Polenpolitik, auch wenn man gelegentlich den deutschen "Drang nach Osten" verdammte und die eigene "Zähmung" der polnischen "Unruhestifter" rechtfertigte, die die slawische Idee verrieten und keinen Schutzwall gegen das Vordringen des Westens bilden wollten.

Schulze Wessel füllt eine Lücke im deutschen Diskurs über Rußland.