Hohe türkische Beamte schützen Drogenschmuggler. Diesen Vorwurf erhob nicht allein der Frankfurter Richter Rolf Schwalbe in der vergangenen Woche Rauschgiftexperten in England, Frankreich und den Niederlanden stimmen ihm zu. Empört weist das offizielle Ankara die ungeheuerlichen Anschuldigungen als politische Propaganda zurück. Man sei Opfer einer antitürkischen Kampagne der Europäer.

Die Türkei ist Drehscheibe des Drogenschmuggels von Ost nach West.

Experten stellten jüngst fest, daß 65 Prozent des internationalen Rauschgifthandels über die Brücke von Asien nach Europa führten.

Die Kritik der Europäer trifft die Türken mitten in ihrer schwersten Staatskrise. "Politik, Gewehre und schmutziges Geld greifen gemeinsam nach der Macht", klagt Oppositionsführer Mesut Yilmaz, Chef der konservativen Mittelstandspartei (Anap). "Was wir durchleben, gleicht hundert Watergate-Skandalen."

Verbissen suchen die Medien seit Wochen, ein dichtes Netz von Verschwörung und Verbrechertum zu entwirren. Wird die Türkei beherrscht von einer "unheiligen Allianz" aus korrupten Politikern und Sicherheitschefs, Rechtsextremen, Mafiabossen und kurdischen Feudalherren? Hat sich ein geheimer Staat im Staat formiert, in dem die Kriminalität regiert und führende Politiker das große Geld abschöpfen? Im Zentrum der Spekulationen steht Tansu çiller, von 1993 bis 1995 Premierministerin und nun Außenministerin und stellvertretende Regierungschefin.

Den Verdacht, in den Sicherheitskräften agierten geheime Banden und terrorisierten Teile der Bevölkerung, bezahlte Ugur Mumcu mit dem Leben. Der angesehene Journalist hatte lange Recherchen beinahe abgeschlossen, da zerriß ihn vor vier Jahren in Ankara eine Autobombe. Niemand außer ihm wagte es, Beweise ungeheuerlicher Verbrechen zu präsentieren. Dann geschah ein spektakulärer Unfall: Am 3. November 1996 raste ein Mercedes in einen Lkw. Im Unglücksauto saß eine merkwürdige "Reisegesellschaft": Huseyin Kocadag, Chef der Istanbuler Polizeiakademie und verantwortlich für die Sicherheit der Kurdenstadt Diyarbakir, als dort eine Serie mysteriöser Morde an kurdischen Nationalisten begann der seit siebzehn Jahren von Interpol gesuchte Verbrecher Abdulla Catli, der einen Dienstpaß für hohe Staatsbeamte, ausgestellt auf einen falschen Namen, bei sich trug, und seine Geliebte. Alle drei starben. Ein vierter Fahrgast überlebte: Sedat Bucak, kurdischer Abgeordneter von Tansu çillers "Partei des rechten Weges" (DYP), Führer eines der größten Kurdenclans und Chef einer 15 000 Mann starken Miliz.

Der Verdacht einer "unheiligen Allianz" hat sich inzwischen erhärtet.