Dublin war für Frankreich ein Wendepunkt. Auf dem Europa-Gipfel in der irischen Hauptstadt im vergangenen Dezember wehrte sich Jean Arthuis, der Kollege aus Paris, mit Vehemenz gegen Theo Waigels Plan, Haushaltssünder unter den künftigen Euro-Mitgliedern automatisch zu bestrafen. Arthuis setzte sich durch: Über Strafen für überbordende Haushaltsdefizite wird nun von Fall zu Fall entschieden - von Politikern.

Arthuis' Erfolg ist für Frankreichs Regierung nur ein Etappensieg.

Unter dem Druck der krisengeplagten Bevölkerung, national gesinnter Politiker und der ehrgeizigen Verwaltungselite versuchen Staatspräsident Jacques Chirac, Premierminister Alain Juppé und Arthuis, in die europäische Geld- und Währungsverfassung doch noch eine politische Bresche zu schlagen. Die künftige Europäische Zentralbank (EZB) - laut Maastricht-Vertrag eigentlich so unabhängig wie die Deutsche Bundesbank - soll zum möglichst einflußlosen Expertengremium unter dem Primat der Politik werden.

Knapp zwei Jahre vor dem Aufgehen von Mark und Franc im Einheitsgeld geben die Pariser Vorstöße einen Vorgeschmack von der "Kollision der Finanzkulturen" (so der britische Economist), die der Euro mit sich bringen könnte. "Bei entscheidenden Fragen der Geld- und Wirtschaftspolitik bestehen völlig verschiedene Auffassungen", sagt Anton Brender, Chefökonom im Pariser Wertpapierhaus CPR.

Auch für seinen Kollegen bei der Deutschen Girozentrale in Frankfurt, den Frankreich-Kenner Hans-Helmut Kotz, ist "die Schnittmenge zwischen beiden Ländern bei wichtigen Themen nicht groß - falls es überhaupt eine Schnittmenge gibt". Schon warnte Hans-Eckart Scharrer, Vizepräsident des HWWA-Instituts für Wirtschaftsforschung-Hamburg, unter solchen Voraussetzungen sei die Währungsunion zum Scheitern verurteilt. Der französische Bevölkerungsforscher und Europa-Skeptiker Emmanuel Todd fürchtet gar, der Euro werde das Gegenteil der erhofften Integration zwischen Deutschland und Frankreich bewirken. "Es wird zu einem endlosen Konflikt zwischen beiden Ländern kommen, zu einem permanenten Showdown."

Viele französische Äußerungen der vergangenen Monate sind aus deutscher Sicht Aufrufe zum Bruch des Maastricht-Vertrags. Premier Juppé sagte schon Ende November in der Nationalversammlung, auch Europas Geldpolitik werde "in der politischen Verantwortung der Regierungen und Parlamente liegen". Mitte Dezember erklärte Staatspräsident Chirac dann Millionen französischen Fernsehzuschauern, eine Art europäische Regierung müsse der künftigen Euro-Notenbank zeigen, "wo die Grenzen ihres Handelns liegen und sie zur Verantwortung ziehen". Grund genug für den früheren Bundesbankpräsidenten Karl- Otto Pöhl, vor einer "wohlabgestimmten Kampagne" der Franzosen zu warnen.

Völlig falsch liegt der frühere Währungshüter damit nicht. Seit Monaten versucht Finanzminister Arthuis, durch einen "Stabilitäts- und Wachstumsrat" eine europäische Wirtschaftsregierung aufzubauen.