KIEL. - Vielleicht gibt es im "Friesenhof", der der nördlichsten Landeshauptstadt als Ratskeller dient, bald ein Norbert-Gansel- Schnitzel. An Devotionalien des SPD-Bundestagsabgeordneten, der ausziehen will, das verfilzte Kieler Rathaus zu entflechten, herrscht gegenwärtig reges Interesse: Die örtliche Juso-Postille veröffentlichte über mehrere Ausgaben einen in Kennerkreisen bereits heißbegehrten Gansel-"Starschnitt" die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen belebte seine Nominierung zum Oberbürgermeister-Direktwahl-Kandidaten der Kieler SPD mit knusprigen Keksabbildungen des Meisters SPD-Ortsvereine hatten sich "Mit -Norbert-Gansel-für-Kiel"-Buttons anfertigen lassen.

Die Aufstellung des ehemaligen Ober-Jusos und stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion am vergangenen Wochenende war nur noch eine Formsache. Seit Gansel im Herbst seine Bereitschaft zur Kandidatur für das Amt des Oberbürgermeisters erklärt hatte, war ein Aufatmen durch die Partei gegangen: Mit ihm, so hoffen die Genossen, könnte es einen Ausweg aus der Dauerkrise sozialdemokratischer Kommunalpolitik geben, die unlängst in der Abwahl von Oberbürgermeister Otto Kelling (SPD) gipfelte. So beliebt ist der moralische Rigorist und politische Realist Gansel bei Parteifreunden wie Publikum, daß seine Gegenkandidaten im Angesicht der Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens zu loben seien, wie ortskundige Journalisten urteilen.

Gansel hat sich eine Menge vorgenommen - vieles davon steht durchaus im Widerspruch zur bisher praktizierten SPD-Stadtpolitik: Er wolle Schluß machen mit dem Dilettantismus, der an der Spitze der Stadtverwaltung so viel Schaden angerichtet habe, sagte er Bürgerbeteiligung, Kontrolle der explodierenden öffentlichen Gebühren, eine notfalls auch mit dem Auto erreichbare Innenstadt, Wohnungsbauförderung gerade für junge Familien und eine konsequente Unterstützung der Hafenwirtschaft seien se ine wichtigsten Ziele. Allerdings gab es auch einige, die Gansels Problemanalyse, wonach in Kiel vor allem wieder vernünftig regiert werden müsse, mit wenig Begeisterung zur Kenntnis nahmen: der schleswig-holsteinische Finanzminister Claus Möller zum Beispiel, seinerzeit als Kieler Stadtrat zuständig für Personalpolitik im Rathaus, lauschte den Ausführungen mit grimmiger Höflichkeit. Ministerpräsidentin Heide Simonis konnte zu ihrem Bedauern wegen einer Parallelveranstaltung des SPD-Landesverbandes nicht an der Nominierungsvollversammlung teilnehmen: Sie übermittelte ihre protokollarischen Glückwünsche per Fax und sparte nicht mit Ausrufungszeichen.

Das Landesestablishment der SPD und die gegenwärtig von Selbstzweifeln gequälte Landesregierung müssen die triumphale Ankunft ihres hellsichtigen Dauerkritikers Gansel mit Beunruhigung betrachten: Daß der Kandidat sich, einmal in Kiel installiert, nicht ausschließlich mit Marineabzug, Werftenkrise und Kurzzeitparkplätzen beschäftigen wird, ist wahrscheinlich.

Wer sein historisches Vorbild für die neue Aufgabe sein soll, hat er schon deutlich gemacht: der legendäre Nachkriegsbürgermeister Andreas Gayk. Der war ein bedeutender Landesvorsitzender seiner Partei.